E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Politi Im Auge des Sturms
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-451-82488-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Franziskus, die Pest und die Heilung der Welt
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-451-82488-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In 2000 Jahren Kirchengeschichte hat es das nie gegeben: Eine Virus-Pandemie zwingt die Kirche, ihre Gotteshäuser zu schließen, die Feier der Sakramente einzustellen. Alte und Kranke sind isoliert, sterben alleine. Kritik regt sich, die Kirche lasse ihre Gläubigen im Stich, ziehe sich zurück. Mit seiner außergewöhnlichen Geste füllt Franziskus diese Lücke. Die eindrücklichen Bilder des einsamen Gottesdienstes am 27. März 2020 gingen um die Welt: Der Papst steht alleine auf dem verregneten Petersplatz, ein weißer Fleck in der Dunkelheit. Sein Weckruf: Schlimmer als die gegenwärtige Krise wäre nur, die Chance, die sie birgt, ungenutzt verstreichen zu lassen. Und er denkt vor allem an die Zeit nach der Pandemie: Franziskus fordert eine Gesellschaft für alle, eine Wirtschaft im Dienste des Gemeinwohls, eine Politik, die den Schwächsten eine Stimme gibt.
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»Blicken wir auf die Massengräber«
Ostern fällt dem Lockdown zum Opfer: ein psychologisches Erdbeben. Dass dieses Fest nicht als Massenereignis stattfinden kann, hat es seit Menschengedenken nicht gegeben. Der Petersdom ist leer, der Papst steht verloren vor dem Altar, in den Bänken ein kümmerliches Grüppchen handverlesener Gläubiger, keine feiernde Menge drängt sich auf dem riesigen Platz. Verwaist sind die Kirchen in aller Welt, verwaist die ehrwürdigsten Stätten im Heiligen Land. Nicht einmal die Verfolgungen hatten den gemeinschaftlichen Geist des Osterfestes auslöschen können. In den Erinnerungen von Jewgenija Ginsburg, einer politischen Gefangenen in den Zeiten des Stalinismus, ist nachzulesen, wie eine Gruppe von orthodoxen Ordensfrauen am Osterfest des Jahres 1940 im Gulag ihr Arbeitsgerät niederlegte: Als man sie zur Strafe zwang, die Schuhe auszuziehen, beteten sie barfuß weiter, während sich um sie herum eisige Schmelzwasserlachen bildeten. Die Polin Natalia Tulasiewicz, inzwischen seliggesprochen, predigt am Osterfest des Jahres 1945 vor ihren Mitgefangenen in einer Baracke im Konzentrationslager Ravensbrück über das Leiden Christi: Wenige Stunden später stirbt sie in der Gaskammer. Selbst im Vernichtungslager der Nazis in Bergen-Belsen lassen es sich die deportierten Juden nicht nehmen, den Sederabend und die Nacht des Pessach zu feiern. Die Theologin Lilla Sebastiani ist bestürzt über dieses erste Ostern seit Menschengedenken, das ohne echte Feiern stattfindet. Das nahezu bewegungslose Bild des allein zelebrierenden Priesters im Fernsehen lässt ihr schmerzlich bewusst werden, dass die »Anwesenheit des Volkes ohne Bedeutung ist«3. Das Virus tötet die Wärme der gemeinschaftlich erlebten Liturgie. In der kirchlichen Umgangssprache verbreitet sich der Begriff des »eucharistischen Fastens«, des liturgischen Fastens. Die Messe ohne Gläubige zu feiern, gesteht Matteo Zuppi, der Kardinal von Bologna, sei eine sehr harte Prüfung, weil alles, was er als Priester und Bischof tut, in einem Kontext der Beziehungen zu den anderen geschieht. »Die fehlende Körperlichkeit, das hat mir am meisten ausgemacht.«4 Die Furcht vor der Ansteckung und die Einhaltung der vom Staat erlassenen Regeln revolutionieren jahrtausendealte Bräuche. Den Gläubigen wird der Kontakt zu ihren Seelsorgern genommen. Die Priester sehen sich gezwungen, vollkommen allein zu zelebrieren. Man hilft sich mit Streaming-Messen, erfindet Drive-in-Gottesdienste. In Frankreich zelebriert der Bischof von Châlons-en-Champagne vor 500 Gläubigen, die sich in 200 Pkws verschanzt haben und die Liturgie über das Autoradio verfolgen. Die Presseagentur AFP veröffentlicht das Bild eines französischen Priesters, der an der Tür seines Pfarrhauses in Limoges ein Beichtgitter hat anbringen lassen und einer Gläubigen, die im Auto sitzt, die Beichte abnimmt. In Amerika, in der Pfarrei einer Kleinstadt in Maryland, ist der Pfarrer pragmatischer. Er verwandelt den Parkplatz der Kirche in einen Open-Air-Beichtstuhl: Um die Pönitenten und sich selbst vor dem Virus zu schützen, hört er die Beichte hinter einem großen Vorhang. In Warschau ist es ähnlich: Der Priester sitzt auf einem Stuhl und die Autos der Beichtenden fahren in sicherem Abstand an ihm vorüber. Priester und Ordensleute verstärken und vervielfachen den Einsatz der sozialen Medien oder entdecken sie ganz neu. Viele sind gezwungen, binnen Wochenfrist zu Experten in digitaler Kommunikation zu werden. Die Präsenzen, Botschaften und Initiativen auf Facebook, YouTube, Zoom, Skype, Instagram, den Webseiten der Institutionen explodieren geradezu. Die Wirkung, so die kirchlichen Verantwortungen, ist spürbar. YouTube wird der Kanal für die Jugendkatechese und die Ehevorbereitungskurse. Dort werden Botschaften der Hoffnung verbreitet und die Erfahrungsberichte von Gemeindemitgliedern gesammelt und veröffentlicht. Pfarrer versuchen sich zum ersten Mal in ihrem Leben an der Erstellung eines Podcasts. Die digitalen Kanäle werden für die Ausbildung der Pfadfinder und Firmkatechesen genutzt. Für manche Diözesen, die im Lockdown vom März eine Facebook-Seite oder einen Instagram-Account einrichten, sind die sozialen Medien völliges Neuland. Auch die Klausurschwestern lassen sich etwas einfallen. In der Basilika der heiligen Rita im umbrischen Cascia organisieren sie – um den Wallfahrtenstopp zu überbrücken – ein pausenloses Streaming namens #MaratonaFestaSantaRita, das acht Stunden lang auf allen sozialen Kanälen zu sehen ist. Wieder einmal wird die – schon seit Jahrzehnten obsolete – Vorstellung von der Klausur als einer Art Bunker, der die Nonnen von der Außenwelt abschneidet, Lügen gestraft. Wer nicht über die nötige Ausstattung verfügt, bittet um Hilfe und gibt sich mit Feuereifer ans Lernen. Den Augustinerinnen von Cascia gelingt es, eine dauerhafte virtuelle Plattform einzurichten, wo die Pilger Aufnahme, Beistand und Gehör finden. Streaming-Messen, Gedenkfeiern für Verstorbene, Video-Gebetsbotschaften, wöchentliches stilles Gebet am Schrein der heiligen Rita und morgendliche Rosenkranzandachten werden organisiert, um das Netz eines gemeinschaftlichen Glaubens zu spinnen. Und auch altbewährte Methoden wie E-Mails, Telefonate und Briefe helfen, den Kontakt zu den Menschen aufrechtzuerhalten.5 Solche Praktiken greifen im riesigen Leib des Weltkatholizismus allerorten um sich. Und sorgen für eine erste Überraschung. Nicht wenige Priester stellen in Zeiten des Virus fest, dass die digitale Kommunikation – via Internet übertragene Rosenkranzandachten, Liturgiefeiern, Lectio-divina-Impulse, eucharistische Anbetungen und kollektive Events – ein größeres Publikum erreicht, das weit über den gewohnten Kreis der Kirchgänger hinausgeht. Ein Zeichen für das Kommunikationsbedürfnis all derer, die in ihren eigenen vier Wänden zu ersticken fürchten. Und für eine religiöse Sehnsucht, die allerdings in normalen Zeiten nicht dazu führt, dass die Menschen in die Kirche gehen. Im Großen und Ganzen fügt sich der Klerus diszipliniert in die Restriktion einer Messfeier ohne Gläubige. Einige Dutzend Fälle – Pfarrer, die trotz Lockdown mit heimlich in die Kirche geholten Gläubigen Präsenzmessen feiern – ändern nichts am Gesamtbild. Hier und da wird eine Strafzahlung für eine nicht genehmigte Prozession fällig. Franziskus wünscht, dass man den von der gesundheitlichen Notlage diktierten Regeln bereitwillig Folge leistet. Und so geschieht es. Italien wird nicht zum Schauplatz so eklatanter Fälle von Fanatismus, wie sie sich in Richmond in den USA zutragen, wo der evangelikale Bischof Gerald Glenn der Anweisung der örtlichen Behörden trotzt, die Versammlungen von mehr als zehn Personen verbietet. In seiner Kirche, so Glenn, »sind wir alle in Sicherheit […], Gott ist viel größer als dieses so gefürchtete Virus […]. Solange man mich nicht ins Gefängnis oder ins Krankenhaus bringt, werde ich weiterhin das Wort Gottes verkünden.« Er wird krank und stirbt binnen zehn Tagen. Seine Tochter richtet einen herzergreifenden Appell an ihre Landsleute, zu Hause und in Sicherheit zu bleiben.6 Das Virus bringt das Leben der Priester durcheinander. Der unerwartete Wegfall eines ganzen Bergs an alltäglichen Aufgaben zwingt viele Kleriker zur Gewissenserforschung. Das Trommelfeuer aus Gottesdiensten, Begegnungen, Gesprächen, Versammlungen, Kursen, Bibellesekreisen und Gebetsgruppen ist verstummt, der zermürbende Druck, mehrere Gemeinden zu betreuen und von einem Termin zum nächsten hetzen zu müssen, ist plötzlich nicht mehr da, und etliche Priester sind gezwungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das sind sie nicht mehr gewohnt. Bei einigen führt die Zwangspause zu Langeweile, sie sind gereizt und suchen nach Ablenkung. Andere nehmen sie als Ansporn, über Sinn und Wirksamkeit dessen nachzudenken, was sie tagtäglich tun. Darüber, was wirklich die Mitte ihres Lebens und ihrer Sendung ausmacht. »In den letzten Jahren, als meine Aufgaben, die ich eigentlich immer gerne gemocht habe, immer zahlreicher wurden, habe ich herausgefunden, dass im Grunde die Müdigkeit überwiegt, das Gefühl, dass mir das Wasser bis zum Hals steht«, erklärt ein Mailänder Pfarrer. Wird er so weitermachen wie früher, wenn die Epidemie erst einmal vorüber ist? »Die Antwort ist ein klares Nein.«7 Manche Priester im massigen Gefüge der kirchlichen Institution haben die von Papst Franziskus propagierte Sicht einer Kirche verinnerlicht, die frei ist von den Fesseln der Selbstbezogenheit. Nebenbei bemerkt waren nicht wenige Geistliche schon vor der Wahl des argentinischen Papstes Bergoglianer. Wie jener römische Pfarrer, der seine Mitbrüder aufruft, sich auf den Weg zu machen, weil er in der Epidemie neue Türen und Zugänge zu den Männern und Frauen unserer Zeit, zu den neuen Formen der Armut und zu den Verletzungen erkennt, die nur darauf warten, von »Christus dem Arzt« behandelt zu werden. Wer, wenn nicht der Priester, soll denn imstande sein, gerade jetzt, in dieser Zeit des durch das Coronavirus verursachten Schiffbruchs, den orientierungslosen und verängstigten Zeitgenossen zur Seite zu stehen? Den Schmerz, die Verlorenheit, die Sorge des anderen zumindest ein Stück weit im eigenen Herzen nachzufühlen: Nur das kann die Identität eines Priesters von heute ausmachen und ihm Autorität verleihen, ihn zum Bild eines Gottes werden lassen, der mit den Menschen leidet – meint der Priester und Psychotherapeut Amedeo Cencini, dem zufolge die...