E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Polleit Triumph der Wahrheit
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98609-024-1
Verlag: FinanzBuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie man die Manipulation der ökonomischen Vernunft beendet
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-98609-024-1
Verlag: FinanzBuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Staat, Politik und Sonderinteressengruppen stilisieren mehr denn je alle Arten von Streitfragen zu Wissensfragen hoch. Der Grund: Die Wissenschaftsgläubigkeit der Öffentlichkeit ist mittlerweile so groß, dass der, der eine wissenschaftlich akzeptierte Unterstützung für seine Sache vorweisen kann, meist den Sieg davonträgt. Vor allem auch die Volkswirtschaftslehre ist daher Verlockungen ausgesetzt, sich vor den Karren spannen zu lassen – die sie von einer strengen wissenschaftlichen Wahrheitsorientierung abbringen können.
Thorsten Polleit zeigt in seinem Buch auf, welche Bedeutung der wissenschaftlichen Methode zukommt, damit die Volkswirtschaftslehre verlässliche Erkenntnisse bereitstellen und auch ihre Unabhängigkeit, die Abkehr von allen Bindungen an Programme und Parteien, sicherstellen kann. Polleit argumentiert, dass die Volkswirtschaftslehre sich als apriorische Handlungswissenschaft, nicht aber als Erfahrungswissenschaft konzeptualisieren lässt. Er wirft damit eine wichtige Grundlagendiskussion neu auf, ermuntert zu einem »neuen Methodenstreit«.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
KAPITEL 5
KRITIK DER REINEN VERNUNFT:
IMMANUEL KANT
»Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll.« Immanuel Kant Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) wird zu den großen Denkern des Abendlandes gezählt. Zu Recht. Vermutlich hat kein anderer die Philosophie der Neuzeit geprägt wie Kant. Ideengeschichtlich ist Kant der Epoche der europäischen Aufklärung zuzurechnen. Aufklärung versteht Kant wie folgt: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.«1 Kant spricht sich in diesen Sätzen für das Ideal der vernünftigen Autonomie aus. Holm Tetens führt dazu aus: »Eine Person ist nach Kant dann autonom, wenn sie nach selbst gewählten und selbst gesetzten Regeln und Gesetzen lebt und handelt, und sie ist dann vernünftig, wenn sie nach guten Gründen für ihre Überzeugungen und Wünsche sucht und sich nur die wirklich gut begründeten Überzeugungen und Wünsche zu eigen macht. Eine Person verwirklicht das Ideal vernünftiger Autonomie in dem Maße, wie sie nach solchen Überzeugungen und Wünschen lebt und handelt, von denen sie sich selber durch eigenes Nachdenken überzeugt hat, dass sie hinreichend gut begründet sind.«2 Kant zufolge kann der Mensch sich allerdings nur dann als autonome, vernünftige Person begreifen, wenn er vier metaphysische Annahmen aufrecht hält:3 (1) Der Mensch hat einen freien Willen; (2) Gott ist die letzte Ursache des gesamten Universums; (3) der Mensch hat eine unsterbliche Seele; und (4) die Welt ist sinnvoll eingerichtet und auf den Menschen zugeschnitten. Ohne diese vier metaphysischen Annahmen lässt sich, so Kant, Moralität und Glück des Menschen nicht zureichend denken. Doch kann die Metaphysik Wissenschaftlichkeit beanspruchen? Kant stellt fest, dass es mit dem wissenschaftlichen Gehalt der Metaphysik nicht gut bestellt ist: Zu Kants Zeit macht die Wissenschaft Fortschritte, etwa in Mathematik und Physik. Nicht aber in der Metaphysik. Insbesondere die Physik (als Erfahrungswissenschaft) setzt Maßstäbe. In der Physik werden Theorien aufgestellt und ihr Wahrheitsgehalt wird durch Experimente überprüft. Da kann die Metaphysik nicht mithalten. Denn schließlich geht es bei ihr um Fragen, die sich der Beobachtung und dem Experiment entziehen, die niemals Gegenstand der Beobachtung und des Experiments sein können - man denke hier an die Fragen »Ist Gott die letzte Ursache des gesamten Universums?« oder »Hat der Mensch eine unsterbliche Seele?« Kant macht sich auf, die Wissenschaftlichkeit der Metaphysik zu untersuchen. Er unterscheidet Arten von wissenschaftlichen Aussagen (oder Urteilen): Aussagen a posteriori und Aussagen a priori. Aposteriorische Aussagen sind solche, deren Wahrheitsgehalt durch Wahrnehmung bewahrheitet oder widerlegt werden können. Sie stellen erfahrungsabhängige Erkenntnis bereit. Der Wahrheitsgehalt von apriorischen Aussagen lässt sich hingegen durch Wahrnehmungen weder als wahr noch als falsch einsehen. Es handelt sich bei ihnen um erfahrungsunabhängige Erkenntnis. Während sich a posteriori einfach als »im Nachhinein« erschließt, verdient a priori einer zusätzlichen Erklärung. Man kann a priori »im Vorhinein« auffassen. Doch nicht die zeitliche Dimension ist hier gemeint. Gemeint ist die Rolle, die der Wahrnehmung bei der Beurteilung des Wahrheitsgehaltes einer Aussage zukommt. A-priori-Aussagen lassen sich unabhängig von Erfahrung begründen oder widerlegen. Mit den folgenden Worten formuliert Kant eine Eigenart metaphysischer Aussagen, die wahre Aussagen a priori sein müssen: »Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren und teils von selbst Vorstellungen bewirken, teils unsere Verstandestätigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu verknüpfen oder zu trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Erkenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heißt? Der Zeit nach geht also keine Erkenntnis in uns vor der Erfahrung vorher, und mit dieser fängt alle an. Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn es könnte wohl sein, daß selbst unsere Erfahrungserkenntnis ein Zusammengesetztes aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangen, und dem, was unser eigenes Erkenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke bloß veranlaßt) aus sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von jenem Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange Übung uns darauf aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat.«4 Doch damit sind metaphysische Aussagen noch nicht hinreichend beschrieben. Kant führt ein weiteres Begriffspaar ein: Er unterscheidet zwischen analytischen Aussagen und synthetischen Aussagen. Analytische Aussagen sind solche, die als wahr oder falsch eingesehen werden können allein aufgrund der Bedeutung der Worte, die in ihnen vorkommen. Eine analytische Aussage »zerlegt« folglich eine Aussage in ihre definitorischen Bestandteile. Ein Beispiel für eine analytische Aussage lautet: »Körper sind ausgedehnt«. Das, was »Körper« ausmacht, ist, dass sie »ausgedehnt« sind. Alle Aussagen, die keine analytischen Aussagen sind, also Aussagen, die sich nicht aus der Bedeutung der darin vorkommenden Begriffe, als wahr oder falsch eingesehen werden können, sind synthetische Aussagen. Erfahrungsabhängige Aussagen sind folglich synthetische Aussagen. Ein Beispiel lautet: »Wasser beginnt bei 100 Grad Celsius zu kochen.« Metaphysische Aussagen wie »Gott ist die letzte Ursache des gesamten Universums« oder »Die menschliche Seele ist unsterblich« sind synthetisch. Das führt Kant nun zu dem Schluss, dass metaphysische Aussagen synthetische Aussagen a priori sein müssen. Wenn man also erkunden möchte, ob die Metaphysik als Wissenschaft möglich ist, so muss man fragen: »Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?«5 Kants doppelte disjunktive Einteilung von Aussagen führt zu der nachstehenden Tabelle. Analytisch Synthetisch A priori (1) (3) A posteriori (2) (4) Analytische Urteile sind von ihrem Begriff her a priori, so dass Möglichkeit (1) unproblematisch ist. Möglichkeit (2) entfällt dadurch: Weil analytische Urteile von ihrem Begriff her a priori sind, kann es analytische Urteile a posteriori nicht geben. Möglichkeit (4) ist der »Normalfall«: Synthetische Urteile sind a posteriori, aus der Erfahrung stammend. Möglichkeit (3) verdient besondere Aufmerksamkeit: denn synthetische Urteile a priori sind begrifflich möglich. Wie aber lässt sich die Frage beantworten, ob synthetische Aussagen a priori möglich sind - und damit die Metaphysik als Wissenschaft möglich ist? In Kritik der reinen Vernunft verdeutlicht Kant am Beispiel der experimentellen Physik, dass der Mensch Erfahrung macht, indem er Naturexperimente unter Bedingungen durchführt, beziehungsweise indem er die Erkenntnisobjekte Bedingungen unterwirft. Diese Einsicht ist von großer Tragweite und führt ihn zur »kopernikanischen Wende der Denkart«: Der Mensch, so Kant, macht Erfahrung, indem er den Gegenständen der Erfahrung Eigenschaften auferlegt, die diesen Gegenständen nur zukommen, weil der erfahrende Mensch sie zu Gegenständen seiner Erfahrung macht. Anders gesprochen: Wir schreiben den Gegenständen der Erfahrung Eigenschaften vor, die den Gegenständen der Erfahrung nicht eigen sind, sondern die aus der Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens stammen. In Kants Worten: »Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm selbst gewählten Schwere herabrollen, oder Torricelli die Luft ein Gewicht, was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich gedacht hatte, tragen ließ, oder in noch späterer Zeit Stahl Metalle in Kalk und diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen etwas entzog und wiedergab;6 so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muß mit ihren Prinzipien, nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für...