E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Sanders Sommerhaus zum Glück
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-21450-0
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-641-21450-0
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wer träumt nicht von einem Haus in Cornwall? Elodie hatte bisher eigentlich andere Pläne – bis ihre Beziehung spektakulär scheitert und ihr Exfreund ihr statt ewiger Liebe Geld für einen Neuanfang bietet. Als sie auf das Inserat für ein hübsches kleines Bed & Breakfast in St. Ives stößt, räumt Elodie kurz entschlossen das Konto leer, kauft das Haus und reist nach Südengland. In dem kleinen Fischerdörfchen stürzt sie sich nicht nur in die Renovierung, sondern lernt auch die schüchterne Helen und die lebenslustige alte Dame Brandy kennen, mit denen sie bald eine tiefe Freundschaft verbindet. Gemeinsam erleben die drei Frauen einen unvergesslichen Sommer, nach dem nichts mehr so sein wird, wie es war – vor allem nicht in Elodies Herz …
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3. Elodie Was soll das heißen, er ist nicht zu erreichen? Als es darum ging, mir eine überteuerte Bruchbude zu verkaufen, war er durchaus zu sprechen. Er ist wo bitte? Auf einem Retreat? Yoga? In den tasmanischen Bergen?« Göttin der Nachsicht, gib mir Kraft. »Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Er ruft mich umgehend zurück, ist das klar? Sonst hetze ich ihm eine Meute Anwälte auf den Hals.« Ich knalle das Smartphone auf den Tisch, greife mit beiden Händen in meine Haare und ziehe einmal kräftig daran. Mann! Das darf ehrlich nicht wahr sein. Ich weiß, mein Umzug hierher war überstürzt, ich weiß, es war riskant, ein derart altes Cottage zu kaufen. Doch hätte ich auch nur einen Augenblick darüber nachgedacht, ich wäre in Frankfurt geblieben und hätte das getan, was ich immer tue – eine Liste geschrieben, abgewogen, das Für und Wider betrachtet, mich natürlich dagegen entschieden. Und dann was? Was dann? Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen, doch nicht aus Verzweiflung, sondern aus Wut. Über mich selbst. Darüber, dass ich mich habe hinreißen oder besser: vertreiben lassen, darüber, dass ich meine Gefühle nicht besser im Griff hatte und am Ende geflohen bin wie ein Kaninchen vorm Fuchs. Du hast es dir noch nicht einmal vorher angeschaut, raunt eine Stimme in meinem Kopf. Du bist über die Anzeige gestolpert, hast über den günstigen Preis gestaunt, hast dich vor diesem Häuschen stehen sehen und hast auf den Kontakt-Button geklickt. Und dann hast du an Per gedacht und bist noch einen Schritt weiter gegangen. Gekauft. Hast du es seinetwegen getan, Elodie? Aus Rache? Um ihn zu strafen? »Und fängst du jetzt an, mit dir selbst zu sprechen?«, murmle ich. Dann blinzle ich die dummen Tränen fort und lasse mich auf einen der zwölf Stühle fallen, die zu diesem riesigen ovalen Tisch gehören. Der ganz nett ist, wie ich zugeben muss. Eine kleine Ausbesserung hier, ein wenig Politur da, so wird am Ende sicherlich ein schönes Möbelstück daraus. Vom Boden ziehe ich meine Handtasche auf den Sitz neben mir und zerre meinen Planer heraus, um eine neue Liste anzulegen. Einkauf, schreibe ich darauf, darunter: Holzpolitur. Dann stutze ich. Was braucht man noch, um einen alten Tisch auf Vordermann zu bringen? Lappen? Lappen sind gut. Ich setze Lappen auf die Liste und dazu Schmirgelpapier, denn mit irgendwas sollte ich die Macken wohl ausbessern, oder nicht? Ich starre auf die Liste vor mir, bis die Buchstaben vor meinen Augen zu flirren beginnen. Dann lege ich den Kopf auf den Wörtern ab und schlage mit der Stirn ein paarmal dagegen. Ich habe keine Ahnung, wie man Möbel restauriert. Geschweige denn, wie man ein altes Bed & Breakfast wieder auf Vordermann bringt. Ich habe niemals eine Wand gestrichen oder ein Loch gebohrt, noch eine Lampe angeschlossen. Ich hebe den Kopf und schreibe Do-it-yourself-Ratgeber auf die Liste. Und dann noch Scheuermittel, Putzschwämme, Bodenreiniger. Einmalhandschuhe. Putzen werde ich wohl können, und wenn schon, dann mit Stil. Das Telefon brummt laut gegen die Tischplatte. Mein Vater. Ich verziehe das Gesicht. Gott, er fehlt mir jetzt schon. Und wenn ich in diesem Augenblick mit ihm spräche, würde er das auch wissen, also ignoriere ich das Geräusch, schiebe das Handy in die Gesäßtasche meiner Jeans und mache mich mit meinem Lebensplaner unter dem Arm auf zur näheren Inspektion meines neuen Eigenheims. Neben dem Esszimmer, das aus besagtem Riesentisch, den Stühlen und einer dazu passenden Anrichte besteht, befinden sich im Erdgeschoss die Küche und auch der Wohnbereich, in dem einige mit ehemals weißem Leinen verhangene Möbel stehen. Mit den Fingerspitzen hebe ich ein verstaubtes Laken an, unter dem sich womöglich ein Sessel befindet oder aber eine Armee Spinnen, wer weiß das schon? Letzteres ist glücklicherweise nicht der Fall. Und der Sessel sieht nicht schlecht aus. Das Sitzkissen scheint ein wenig ausgebleicht, doch – ich hebe das Tuch ein Stück höher – das Möbel wirkt ebenso antik wie seine Verwandten im Esszimmer. Ich reiße die Laken herunter, eines nach dem anderen. Zwei Sessel treten zutage, breite Sitzflächen, mit einem feinen hellgrünen Stoff bespannt, und Schnitzereien in den Holzeinrahmungen. Der Couchtisch und ein wirklich hübscher Vitrinenschrank sind aus dem gleichen Holz, und dann ist da noch diese atemberaubende Ledercouch, wie sie in alten Bibliotheken oft steht. Die Wände müssen gestrichen werden, die Böden vermutlich abgeschliffen, doch die Möbel, die waren ganz sicher ein Schnäppchen. Der Kühlschrank dagegen hat schon bessere Tage gesehen, an den Gasherd traue ich mich nicht heran. Das große Fenster und die Glastür daneben zeigen von der Küche auf einen winzigen Garten, der von Unkraut aufgefressen wird. Dahinter Häuser, weitere Cottages, alt, mit bröckelnder Fassade. Kein Meer weit und breit. Ich traue mich gar nicht, laut zu denken, doch es war von Meerblick die Rede in dieser Anzeige von dem schmucken, ehemaligen Bed & Breakfast im malerischen St. Ives, ideal für Nostalgieliebhaber. Meerblick. Handwerkliche Fähigkeiten von Vorteil, aber kein Muss. Oh, Elodie. Ich steige die schmale Treppe hinauf in den ersten Stock. Es ist schummrig in diesem Gang, also sehe ich mich nach einem Lichtschalter um, doch als ich ihn betätige, macht es nicht einmal klick. Im Dämmerlicht des Fensters am Ende des Flurs zeichnen sich drei Türen ab, die zu den Gästezimmern führen müssen. Als ich die erste öffne, bleibt mir für einen Augenblick die Luft weg. Das Zimmer ist kahl, bis auf einen schmutzigen, vormals beigefarbenen Teppich, die Fensterrahmen sind ergraut und abgesplittert, die Wände fleckig. Das kleine angrenzende Bad ist dunkelgrün gefliest – viel mehr lässt sich ohne Licht nicht erkennen, denn es hat kein Fenster. Einem plötzlichen fachfraulichen Impuls folgend, gehe ich trotzdem hinein und drehe im Schein meines Smartphones an den zwei Hebeln des Wasserhahns. Nichts passiert, dann keucht und spuckt das matte Silberrohr rostroten Dreck ins Becken. Ich öffne die anderen beiden Türen, das nahezu gleiche Bild zeichnet sich ab. Wie benommen lasse ich mich auf die Stufen der Treppe sinken – mir wohl bewusst, dass ich die Jeans danach werde desinfizieren müssen, wer weiß, wer in diesen Teppichen haust –, schlage meinen Planer auf und beginne eine weitere Liste. –Türschloss kaputt, muss ausgetauscht werden –Kein Strom –Was ist mit dem Wasser? –Gästezimmer müssen komplett renoviert werden –Heizung funktioniert vermutlich nicht Letzteres ist nicht mehr als eine Mutmaßung. Es ist eiskalt in diesem Haus, dabei waren einige der Heizkörper aufgedreht. Ich sehe nach oben, wo sich laut Vertrag das Dachgeschossstudio befinden sollte, in dem ich künftig wohnen werde, so man darin wohnen kann, versteht sich. Ich brauche einen Moment, um mich auf den nächsten Schock vorzubereiten, der ganz sicher auf mich wartet. Ich habe damit gerechnet, dass einiges zu tun sein wird, natürlich habe ich das. Ich meine, Nostalgieliebhaber? Handwerkliche Fähigkeiten? Dann der Kaufpreis. Ich habe womöglich ein wenig über meinen Sachverstand hinaus gehandelt, aber ich bin kein Esel. Es hieß, das Haus sei bezugsfertig. Dass nun kein Strom da ist und kein Wasser, dass nicht einmal die Tür aufzubekommen war, das verblüfft mich nun doch. Hätte eine Nachbarin, Mrs. Barton oder so ähnlich, mir nicht geraten, durch die Garage zu gehen und es an der Hintertür zu versuchen, säße ich vermutlich immer noch auf den Stufen vorm Haus. Was noch?, kritzele ich also auf das Papier, einfach, weil ich beim Schreiben besser denken kann. Was kommt da noch auf mich zu? Schon jetzt habe ich den Eindruck, diese Aufgabe hier ist größer, als meine Courage es jemals war. Und meine Torheit. Alles zusammen. Erneut surrt mein Telefon. Ich seufze. »Hey, Papa.« »Elodie.« Er lässt ein paar Sekunden verstreichen, als habe er nach wie vor keine Worte dafür, dass seine Erstgeborene quasi fluchtartig das Land verlassen hat, um in England ganz von vorn anzufangen. »Wie ist das Wetter?« »Ähm …« Ich rapple mich auf und gehe zu dem Fenster hinüber, das auf die Gasse vor dem Haus zeigt und auf andere Häuser, die vermutlich Meerblick haben. »Das Wetter ist schön«, erkläre ich und spähe zu dem blauen, nur von wenigen Wattewolken betupften Spalt Himmel hinauf, der von hier aus zu sehen ist. »Es ist frisch, aber sonnig.« »Mmmh«, macht mein Vater. Dann seufzt er. »Ich fürchte, alles andere traue ich mich nicht zu fragen. Vielleicht sollte ich später noch mal anrufen.« Ich ignoriere seinen Einwand. »Ich bin gut angekommen«, sage ich, »alles hat bestens geklappt. Der Ort scheint sehr hübsch zu sein, und das Haus …« Ich drehe mich einmal um die eigene Achse, während ich mir auf die Lippen beiße. »Ich werde es mir erst noch etwas genauer ansehen und melde mich dann wieder bei dir, in Ordnung?« Da. Nur zur Hälfte gelogen. »Das hört sich nicht sehr überzeugend an. Wie sieht das Haus aus? Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du einfach so einen Kaufvertrag unterschrieben hast, ohne dich zu beraten. Dass dir eine Bank dafür Geld gegeben hat, ist mir ein Rätsel. Und England? Wieso ausgerechnet Cornwall?« Ich lasse...