Schalkowski Kommentar, Glosse, Kritik
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-7445-0139-2
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 85, 230 Seiten
Reihe: Praktischer Journalismus
ISBN: 978-3-7445-0139-2
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Irrwege von Politik und Gesellschaft, die Eitelkeiten der Mächtigen, die Luftblasen des laufenden Kulturbetriebs mit spitzer Feder aufzuspießen – das gehört zu den Aufgaben von Journalisten. Als Instrumente dafür haben sie seit rund zweihundert Jahren den Kommentar, die Glosse und die Kritik zur Hand. Einig im Ziel, unterscheiden sie sich wesentlich in ihren Verfahren: Der Kommentar besteht im Kern aus rationaler Argumentation, die Glosse lebt von der satirischen Konstruktion und die Kritik oder Rezension ist von ästhetischer Reflexion bestimmt. Edmund Schalkowski präsentiert nun erstmals diese drei meinungsorientierten oder urteilenden Darstellungsformen in einem Buch zusammen und führt schrittweise in ihre Handhabung ein. Dabei klärt er für jede von ihnen: Was soll sie leisten, wie funktioniert ihr spezielles Verfahren, wie ist sie aufgebaut und in welchen Schritten erfolgt die Textproduktion? Anhand von zahlreichen Beispielen stellt er jeweils verschiedene Varianten vor, geht auf typische Fehler ein und gibt hilfreiche Tipps zum Schreiben.
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[19]1 Begriff 1.1 Definition Der Kommentar ist die Grundfigur der Kritik. Ihm geht es nicht darum, ein Ereignis der realen Welt in den Blick zu nehmen und unter bestimmten Formvorgaben zu rekonstruieren, was auf eine sachlich-informative Nachricht oder eine spannend-subjektive Reportage hinausliefe. Er will primär weder den aufnehmenden Verstand noch die teilnehmenden Sinne aktivieren, sondern eine andere Qualität des menschlichen Geistes ins Spiel bringen, die kritisch fragende, abwägende Vernunft. Sie soll das Ereignis zugrunde legen und dazu etwas Neues entwickeln, was traditionell Meinung heißt und was man Urteil nennt, wenn es begründet, argumentativ gestützt ist. Der Kommentar ist auch die Grundform der urteilenden Texte, Glosse und Kritik sind seine Sonderformen. Die Glosse hat mit dem Kommentar die Gegenstände gemeinsam, die sie ins Visier nimmt, unterscheidet sich aber von ihm durch das verwendete Verfahren (siehe Glosse Kapitel eins bis drei). Die Kritik bearbeitet andere Gegenstände und tut dies, entsprechend der Natur dieser Gegenstände, mit einem wiederum anderen Verfahren und zusätzlich einer anderen Zielsetzung (siehe Kritik Kapitel eins bis drei). Ein Urteil abgeben, Stellung nehmen, Position beziehen – damit können zwei unterschiedliche Denkoperationen gemeint sein. Man kann einmal an ein neues Ereignis die Frage stellen, die aus allen, zumindest den empirischen Wissenschaften bekannt ist: »Warum ist das so (passiert)?« Dann betrachtet man das Ereignis als etwas, das mit einem gewissen Zwang so und nicht anders stattfinden musste. Man sieht es unter dem Aspekt seiner geschichtlich-gesellschaftlichen Realität, als einen unveränderbaren Gegenstand der objektiven Welt, von dem sich nur Entstehung und Zusammenhang ausmachen lassen. Die gedankliche Leistung besteht in diesem Fall darin, den Zwang aufzuzeigen, der zu diesem Ereignis geführt hat, das Ereignis also als unter diesen Umständen notwendig entstandenes darzustellen. Auf diese Weise wird das neue, noch nicht verstandene Phänomen mit den bekannten und bereits verstandenen Ereignissen der geschichtlich-sozialen Welt argumentativ verknüpft. Es wird, bislang ein Fremdkörper, in die gedeutete Welt eingepasst und somit Teil des kollektiven Wissens: wird nun ebenso verstanden. Diesen Fall, wodurch der bislang sinnfreie Sachverhalt Sinn gewinnt, nennt man Erklären. [20]Man kann das neue Ereignis aber auch mit der Frage konfrontieren, die sich im Alltag bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten stellt: »Soll oder darf das so sein?« Dann fasst man es ins Auge als etwas, das anders hätte ausfallen können oder sollen. Man betrachtet es unter dem Gesichtspunkt seiner geschichtlich-gesellschaftlichen Möglichkeit oder Wünschbarkeit, als einen vom Menschen gemachten und durch ihn veränderbaren Gegenstand, der verschiedene Qualitäten und Farben annehmen kann. Die gedankliche Arbeit besteht hier darin, an das noch wertfreie Ereignis einen Maßstab anzulegen und ihm so argumentativ eine rechtlich oder moralisch qualifizierende Schattierung zu geben. Wenn sich das Ereignis als erstrebenswert oder nicht erstrebenswert herausstellt, wurde mit einem akzeptierten, aber nicht streng bindenden Wert operiert, wenn es als gut oder schlecht dasteht, wurde eine verbindliche Norm in Anschlag gebracht. So wird das neue Phänomen, bislang ein Gegenstand, der kalt lässt, von gesellschaftlicher Wertschätzung erwärmt: wird sympathisch oder unsympathisch. Diesen Fall, wodurch das bislang wertfreie Ereignis Wert gewinnt, nennt man Bewerten. In beiden Fällen, sowohl dem Erklären wie dem Bewerten, geht es darum, ein bis dahin isoliertes Phänomen in den Seelenhaushalt der Gesellschaft aufzunehmen, »etwas kollektiv Fragliches in etwas kollektiv Geltendes zu überführen« (Klein, S. 17) oder zumindest »Ungewissheit durch methodisches Anschließen an geteilte Gewissheiten […] zu reduzieren« (Kopperschmidt, S. 20). Wie Erklären und Bewerten funktionieren, dafür jetzt zwei Beispiele. Das zugrunde liegende Ereignis ist ein fiktiver Parteitag, der konkrete Sachverhalt eine überraschende Wahl, journalistisch erfasst in folgender Meldung: Überraschend fiel Günter S., finanzpolitischer Sprecher der Grünen, bei der Neuwahl zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden durch; gewählt wurde Walburga F. vom Landesverband Niedersachsen, die sich als Spezialistin für ökologische Fragen einen Namen gemacht hat. Damit setzten sich die Fundamentalisten gegen den Parteivorstand durch. Zuvor war entgegen den Absprachen der dem pragmatischen Flügel zugerechnete Klaus B. zum Parteivorsitzenden gewählt worden, die Kandidatur von Günter S. fand bis zu diesem Zeitpunkt breite Zustimmung in der ganzen Partei. Ein erklärender Kommentar dazu könnte folgendermaßen aussehen: Parteitage brauchen Ventile. Wenn der Druck an einer bestimmten Stelle zu groß wird, muss die Luft an einer anderen heraus. Ein quasi organischer [21]Mechanismus, der über den Köpfen der Delegierten das Innenleben von Parteien reguliert und das Machtgefüge intakt hält. Als in den späten Nachmittagsstunden die grüne Parteiführung ihre Wunschbesetzung für den neuen Parteivorsitz eiskalt durchgesetzt hatte, ging ein ungläubiges Staunen durch die Reihen. Doch die unterlegenen Fundamentalisten, die auf die Absprache mit der Parteiführung vertraut hatten, dass Klaus B. für den Parteivorsitz nicht infrage komme, fassten sich schnell. Der politische Instinkt sagte ihnen, dass Parteigenossen, die so mit sich umspringen lassen, es nicht anders verdienen. Also war Rache das Gebot der Selbstachtung, und die folgte auf dem Fuße. Ein paar Gespräche hinter den Kulissen, eine kurze Sitzung zur Selbstvergewisserung, dann war der Entschluss klar: Günter S., der Kandidat der Parteiführung für den stellvertretenden Fraktionsvorsitz, musste die Arroganz der grünen Spitzenleute büßen. Auf den ersten Blick haben sich die Akteure höchst emotional, ja irrational verhalten, wie Boxer, die einen empfindlichen Schlag mit einer blinden Attacke beantworten. Die tiefere Logik aber ist, dass sie ohne diese Trotzreaktion ihr Gewicht und die Partei insgesamt ihre interne Balance verloren hätten. Günter S. kann das sicherlich nachvollziehen, trösten wird es ihn kaum. Hier wird die Trotzreaktion der grünen Fundamentalisten als ein mechanisches Reiz-Reaktions-Schema verstanden, das nicht nur bei Individuen vorkommt, sondern auch Parteien beherrscht. Und das auf den ersten Blick von Emotionen bestimmt ist, auf den zweiten aber einer rationalen Logik folgt. Damit wird das Phänomen, das bis dahin merkwürdig und nicht nachvollziehbar erscheint, in eine quasi naturgesetzliche Mechanik der Macht eingeordnet. Es erscheint als logische Folge der Selbstbehauptung von Organisationen und ihren internen Gruppierungen, bekommt dadurch Sinn, wird vertraut und dem gedanklichen Nachvollzug eingepasst: erklärt. Und jetzt das Gegenstück dazu, ein bewertender Kommentar: Die Fundamentalisten der grünen Partei haben bei der Wahl zum stellvertretenden Fraktionsvorsitz die Regie durcheinandergebracht. Sie haben den Kandidaten der Parteiführung Günter S. über die Klinge springen lassen und Walburga F. gewählt. Die irrationale Trotzreaktion hat erhebliche und bedenkliche Konsequenzen. Die Fundamentalisten sind zum erstenmal in der Führung der Fraktion vertreten, und das mit Walburga F., einer ausgewiesene ökologische Aktivistin. Die studierte Geowissenschaftlerin hat viel Erfahrung, sowohl in der wissenschaftlichen Arbeit wie im politischen Kampf um die Durchsetzung ihrer Ziele. Sie argumentiert klug, ist flexibel und hartnäckig, mit anderen Worten: hat die notwendige Durchsetzungsstärke. [22]Auf der anderen Seite wird der ökonomische Sachverstand von Günter S. der Partei fehlen. Mit seinem Namen ist verbunden, dass die Grünen allmählich die Gesetze der Marktwirtschaft akzeptierten. So hat er der Erkenntnis zum Durchbruch verholfen, dass Haushaltskonsolidierung und Senkung der Lohnnebenkosten nicht neoliberales Teufelswerk sind, sondern der Politik wieder Handlungsspielräume öffnen und die Marktkräfte stärken. Walburga F. wird aller Voraussicht nach die ökologische Komponente der grünen Programmatik wieder in den Vordergrund rücken. Eine rationale Finanzpolitik, für die Günter S. stand, wird dagegen fürs erste vertagt. Schwarz-grüne Koalitionen, in naher Zukunft ein Gebot der Vernunft sowohl für die Grünen wie für das Parteiensystem insgesamt, rücken in weite Ferne. Hier wird versucht, einen Blick in die Zukunft zu werfen und die wahrscheinlichen Konsequenzen der fundamentalistischen Trotzreaktion aufzuzeigen: eine Stärkung der ökologischen und eine Schwächung der liberalen Kräfte und damit eine Verminderung der Chancen für schwarz-grüne Koalitionen. An diese Entwicklung wird nun ein Maßstab angelegt, die Frage nach Nutzen oder Schaden, und festgestellt, dass die getroffene Entscheidung sowohl für die Grünen wie für die Parteien insgesamt eher schädlich ist. Im Licht dieses Maßstabs bekommt das Phänomen also eine qualitative Schattierung. Es lässt den Leser nicht mehr gleichgültig, wird mit (negativem) Wert gefärbt: bewertet. Neben der Erklärung und der Bewertung scheint es noch eine dritte eigenständige Operation zu geben, die ebenfalls oft in Kommentaren erscheint: die kritische Überprüfung einer Erklärung oder Bewertung. Sie tritt immer dann auf, wenn der Sachverhalt, auf den sich der Kommentar bezieht, bereits selbst in einer Erklärung oder Bewertung besteht. Nehmen wir folgenden Fall: Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt Stellung zur sich verschlechternden Lage des westlichen Bündnisses in...