E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Schlott Coaching im Grenzbereich
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7495-0351-3
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Effektive Tools für schnelle Veränderung und Kriseninterventionen auf der Grenze zwischen Psychotherapie und Coaching
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7495-0351-3
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
1. Grenzerkundung
1.1 Vorsicht
„Dem Geist sind keine Grenzen gesetzt, außer denen, die wir als solche anerkennen.“ Napoleon Hill (1883–1970) Genau so habe ich Coaching gelernt, frei nach dem Motto: Geht nicht, gibt es nicht! Alles, was uns beschränkt, ist der Geist, und jeder Mensch hat die Option, sein Denken zu verändern. Sobald ich persönlich an eine Grenze komme, lerne ich einfach etwas dazu. So kam es, dass ich mir sehr viele unterschiedliche Coaching- und Therapierichtungen angeeignet habe. In meinem Denken schließt sich nichts aus; im Gegenteil, alles fügt sich zu einem großen Ganzen zusammen. 1.1.1 Grenzen wahrnehmen und auflösen
Ich erinnere mich an eine Sitzung vor acht Jahren. Da saß mir im Lerncoaching ein siebenjähriges, völlig traumatisiertes Mädchen gegenüber, das eigentlich nur wegen schlechter Schulnoten zu mir gekommen war. Als sie noch sehr klein war, hatte ihre leibliche Mutter einen schweren Unfall gehabt und vegetierte seither in einer Einrichtung nur noch vor sich hin. Sie erkannte ihre Tochter nicht und es war nicht möglich, mit ihr auf normalem Weg zu kommunizieren. Für das Mädchen war sie dennoch ihre Mutter und sie litt unter der Situation. Das Coaching hatte ihre sehr liebevolle Stiefmutter veranlasst. In der Schule konnte sich das Mädchen kaum konzentrieren, weil sie immer an ihre leibliche Mutter denken musste und sich schämte, dass sie ihre Stiefmutter gern hatte – ein Dilemma, das sie laufend beschäftigte. Das wurde im Coaching schnell klar, und auch, weshalb sämtliche Nachhilfeaktionen zur Verbesserung der schulischen Leistungen bisher keinen Erfolg gezeigt hatten. Das tieferliegende Thema musste also im Coaching behandelt werden. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar schon viel Erfahrung, etliche Ausbildungen und eine Heilerlaubnis, der Umgang mit solch einer starken Traumatisierung war mir allerdings bis dato noch fremd. Zwei Tage später meldete ich mich zu einer EMDR-Ausbildung (Eye Movement Desensitization and Reprossessing, eine bilateral stimulierende Traumatherapie nach Dr. Francine Shapiro) an und absolvierte sie mit großem Interesse. Auch danach beschäftigte ich mich noch intensiv mit Traumatherapie. Die empfundene Grenze löste sich damit auf und ich wusste nun, was in solchen Fällen in Zukunft zu tun war. Eine Grenze zu spüren, sie zuzulassen und dann aufzuheben war und ist ein Erfolgskonzept auf meinem Weg. „Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst früh zu begehen“, sagte schon Winston Churchill. Dieser Satz hat mich immer begleitet und mich dazu bewegt, laufend weiterzulernen. Die Grenze wurde also zum guten Freund und triggerte fortwährend meine Neugier nach dem Unbekannten im Menschen und nach den Ansätzen, welche die Psychologie und ihre Nachbardisziplinen zu bieten haben. Ich möchte dir also Mut machen, Grenzen nicht zu ignorieren, sondern sie zu spüren, aufzulösen und das dazuzulernen, was du brauchst, um deinen Beruf gewissenhaft auszuführen. Denn hinter der Grenze bzw. hinter der Komfortzone liegen das Abenteuer, die Spannung und vor allem das Lernen, die Erkenntnis und oft auch die Erfüllung. Ich bin Diplom-Psychologin und habe mich schon in den 1990er-Jahren für den Weg der modernen Psychologie entschieden, d. h. ganz bewusst keine Ausbildungen in Psychoanalyse, Psychotherapie und Verhaltenstherapie gemacht, mir aber später erlaubt, mir aus diesen Ansätzen gute Haltungen und Methoden herauszuarbeiten. Ich habe allerdings eine Heilerlaubnis erworben, einen Heilpraktiker für Psychotherapie, damit ich in Deutschland therapeutisch tätig werden darf. Grenzinfo! In Deutschland macht man sich strafbar, wenn man ohne Heilerlaubnis „heilt“. Der Gesetzgeber geht nämlich davon aus: Nur wer eine Heilerlaubnis erlangt hat und nachweisen kann, Krankheiten ausreichend beurteilen und eine Behandlung ausführen zu können, darf heilend tätig werden. Die Zulassung zur Ausübung der Heilkunde ist notwendig, wenn man Diagnosen stellen und therapeutisch tätig sein möchte. Sobald jemand als „krank“ gilt, darfst du als Coach ohne Heilerlaubnis nicht bei psychischen Leiden tätig werden. Dann befindest du dich im Handlungsfeld der Heilberufe mit Approbation, das sind Ärzte, Zahnärzte und psychologische Psychotherapeuten. Als studierter Psychologe hat man mit einem Universitätsdiplom noch keine Heilerlaubnis, trotz langjähriger und fundierter Ausbildung. Genauso dürfen Krankenschwestern oder Physiotherapeuten mit ihrem medizinischen Fachwissen nicht die Psyche heilen. Ein Physiotherapeut hat eine „sektorale“, d. h., auf die Ausübung der Physiotherapie beschränkte Heilerlaubnis. Möchte er psychotherapeutisch arbeiten, muss er in Deutschland den psychotherapeutischen Teil der Heilpraktikerprüfung ablegen. Außerdem gibt es das Kriterium der ärztlichen Sorgfaltspflicht. Danach ist ein Arzt verpflichtet, seine Patienten nach neuesten Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft und entsprechend der jeweiligen Umstände mit Sorgfalt zu behandeln. Trotz Heilerlaubnis kann also ein Zahnarzt keine Depressionen behandeln, da diese nicht zu seinem Fachgebiet gehören. Eine Hypnose zur Beseitigung einer Zahnarztphobie würde man ihm als Behandler aber zutrauen, sofern er über eine Hypnoseausbildung verfügt. Auch der Heilpraktiker hat eine Sorgfaltspflicht und darf nur das therapieren, wofür er ausreichend Fachkenntnisse und methodisches Wissen besitzt. Jeder muss seine Leistung so erbringen, dass sie „nach den Regeln der Kunst, […] entsprechend dem Stand der Wissenschaft, den anerkannten Regeln der Technik, den gesellschaftlichen Normen oder den Rechtsnormen sowie unter Einsatz der körperlichen und geistigen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse erfolgt“. („lege artis“, https://de.wikipedia.org/wiki/Lege_artis, Zugriff am 09.11.2021). Egal, ob du Coach, Heilpraktiker oder approbiert bist: Immer musst du nachweisen können, dass dein Vorgehen keine Gefährdung für deinen Klienten darstellt und für keinen Personenkreis kontraindiziert ist, auch nicht für „Kranke“. In einem Artikel von Clemens Hürten (siehe Literaturliste zu diesem Kapitel) ist sehr gut beschrieben, wie sich häufig im Grenzbereich tätige psychologische Berater und Heilpraktiker in Deutschland rechtlich absichern können. Jedes Land hat übrigens andere rechtliche Rahmendbedingungen. Erkundige dich also, was in puncto Heilerlaubnis in dem Land gilt, in dem du tätig bist. Und: Dass du dich du als Coach ohne Heilerlaubnis nicht mit psychischen Leiden auseinandersetzen darfst, liegt nicht an deiner Qualifikation, sondern an der rechtlichen Situation. Bestimmte Techniken und Methoden sind heilenden Berufen, also Ärzten, Psychotherapeuten und Heilpraktikern, vorbehalten (vgl. Zimmermann 2021). Doch damit will ich dich nicht desillusionieren, denn auch ohne Heilerlaubnis bleiben dir als Coach ausreichend Felder, in denen du tätig werden kannst, um Menschen sinnvoll zu begleiten. Überall dort, wo keine Gefährdung zu erwarten ist, kannst du arbeiten. Bei Familien- oder Eheproblemen darfst du beraten, ebenso in Konflikten oder bei schulischen Themen, z. B. Lernen oder Konzentration. Gleiches gilt für Themen wie Pubertät, Liebe oder Trennung. Coachen darfst du bei Problemen am Arbeitsplatz oder bei Mobbing und bei Schwierigkeiten in Bereichen wie Präsentation, Bewerbung, Führung, Selbstmanagement und Anpassung an neue Situationen. Auch Kommunikationsverbesserung, Motivationssteigerung, Mentaltraining, Entspannungsverfahren, Stressbewältigung, Gesundheitscoaching im Sinne von Prävention / Gesunderhaltung oder Gesundheitsförderung sowie Coaching im Sport sind erlaubt. Diese Aufzählung ist längst nicht vollständig, was bedeutet: Auch ohne Heilerlaubnis ist die Palette der Möglichkeiten groß und vielfältig. Coaching zielt darauf ab, Lebenssituationen zu optimieren und Potenziale zu heben und richtet sich in erster Linie an gesunde Menschen. Trotzdem darfst du als Coach ohne Heilerlaubnis kranke Menschen bei Lebensthemen begleiten, die aus einer Erkrankung resultieren, z. B. bei Paarproblemen, die sich aus einer Krebserkrankung ergeben. Auch Menschen, deren Leiden nicht offensichtlich sind und die ihre Erkrankung verschweigen, darfst du coachen, denn als Coach ohne Heilerlaubnis bist du nicht dafür ausgebildet, „Gesunde“ von „Kranken“ zu unterscheiden (vgl. Hürten 2011). Doch beim geringsten Verdacht, dass dein Klient eine Störung mitbringt, musst du ihn als Coach ohne Heilerlaubnis an einen Arzt, approbierten Psychotherapeuten oder an einen Heilpraktiker für Psychotherapie verweisen, damit sein Leiden genau abgeklärt werden kann. Einen solchen Prozess darfst du nie verzögern, denn sonst wird er für dich rechtlich zu einem Problem. Auch für ausgebildete Heilpraktiker gilt: Sollten während einer psychotherapeutischen Behandlung körperliche Symptome auftreten, sind diese unbedingt von einem Arzt abzuklären. Du siehst also: Die Abgrenzungsthematik ist nicht trivial. In diesem Buch findest du deshalb Unterstützung, um zu erkennen, wo dein Handlungsfeld liegt, damit du dich in deiner Tätigkeit am oder im Grenzbereich sicher bewegen kannst. Während sich Coaching also an gesunde Menschen richtet, beschäftigt sich Psychotherapie mit „kranken“. Mich interessiert in diesem Kontext: Was macht es mit der Psyche eines Menschen, wenn man ihn in eine Schublade mit der Aufschrift „psychisch krank“ steckt? In meiner Welt zementiert das eher den Zustand der Handlungsunfähigkeit und bringt den Klienten in einen...