E-Book, Deutsch, 418 Seiten
Schneider / Stock Die Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Psychologie
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8444-3169-8
Verlag: Hogrefe Publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wesentliche Entwicklungstrends in 120 Jahren
E-Book, Deutsch, 418 Seiten
ISBN: 978-3-8444-3169-8
Verlag: Hogrefe Publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Beiträge in diesem Buch beschäftigen sich mit der Entwicklung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) innerhalb von 120 Jahren, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit nach ihrer Wiedergründung ab dem Jahr 1949 liegt. Es handelt sich hier also um die erste umfassende Darstellung zur DGPs-Geschichte. Als wesentliche Datenbasis fungierte das kürzlich digitalisierte Archiv der DGPs-Vorstandsakten, das die Arbeit der DGPs-Vorstände nach Kriegsende dokumentiert. Da entsprechende Materialien für die Zeit bis 1945 nicht mehr existieren, war man hier auf die Auswertung von Kongress- und Zeitschriftenberichten beschränkt. Nach einer Beschreibung von Arbeitsschwerpunkten der Anfangsphase und der (problematischen) Rolle der DGPs während der NS-Zeit werden wichtige Entwicklungstrends in Themenschwerpunkten der wissenschaftlichen Fachgesellschaft insbesondere ab den späten Fünfzigerjahren illustriert. Das Verhältnis zwischen DGPs und dem Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) wird ebenso charakterisiert wie die Beziehung zur Gesellschaft für Psychologie in der DDR bis zur Wiedervereinigung. Weiterhin wird der Beitrag der DGPs zur Veränderung von Prüfungs- und Studienordnungen innerhalb der letzten ca. 50 Jahre und zu Reformprozessen in der Klinischen Psychologie (Psychotherapeutengesetze) thematisiert. Substanzielle Fortschritte im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, der Nachwuchsförderung, der Sicherung von Forschungsqualität und der zunehmenden Internationalisierung der Fachgesellschaft vermitteln das Bild einer Erfolgsgeschichte und einer insgesamt positiven Gesamtentwicklung, was sich nicht zuletzt an der stetig steigenden Mitgliederzahl und dem zunehmenden gesellschaftlichen wie auch politischen Einfluss zeigen lässt.
Zielgruppe
Studierende der Psychologie, Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus inhaltlich benachbarten Fachgebieten, Kulturwissenschaftler
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
|14|1 Die Entwicklung der DGPs von 1904 bis Ende der Fünfzigerjahre
Horst Gundlach Zusammenfassung
Wissenschaftliche Gesellschaften, deren Benennung besagte, dass man sich (auch) mit Fragen der Psychologie befasste, wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet. Darin dominierten entweder Psychiater oder aber mit Parapsychologischem befasste Personen. Erst 1904 kam es im Deutschen Reich zur Gründung einer psychologischen Fachgesellschaft, in der Psychiater und Physiologen willkommen, hingegen Parapsychologisches unerwünscht war. Die Mehrzahl der Gründer dieser Gesellschaft für experimentelle Psychologie waren Professoren der Philosophie, denn im deutschen Sprachraum gab es noch keine Professuren für Psychologie. Die Gesellschaft organisierte jedes zweite Jahr einen Kongress, publizierte einen Kongressbericht und eine Liste ihrer Mitglieder. Dies wurde während des Ersten Weltkriegs unterbrochen, doch danach fortgesetzt. Jetzt wurde sich mit Angewandter Psychologie stärker befasst. Auf dem Wiener Kongress 1929 wurde der Name in Deutsche Gesellschaft für Psychologie umgewandelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg unternahmen bereits in den 1920er-Jahren bekannte Professoren in den westlichen Besatzungszonen die Neugründung. Gegen Ende der 1950er Jahren gelang es einer jüngeren Generation, alte Zöpfe zu bezwingen und die Leitung der Gesellschaft zu übernehmen. Einleitung
Zunächst erfolgen Bemerkungen zur unerfreulichen Lage der Quellen zur Geschichte der Fachgesellschaft. Die Unterlagen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie wurden gegen Ende des Zweiten Weltkrieges vollständig verloren. Selbst über ihr Verschwinden gibt es nur eine Anzahl kaum begründeter Vermutungen. Dazu gehört etwa Albert Welleks |15|Angabe als Schriftführer der Gesellschaft, wiedergegeben von Geuter (1984, S. 518), die Akten und Unterlagen der Gesellschaft seien im Psychologischen Institut der Universität Leipzig untergebracht und dort im Dezember 1943 verbrannt. Nach diesem Krieg und der Wiederentstehung der Gesellschaft wurden die danach entstehenden Unterlagen zunächst amateurhaft und unvollständig aufbewahrt. Daher fehlen gewichtige Quellen über Entstehung, Veränderungen, Absichten, Erfolge und Misserfolge dieser Gesellschaft. Die wichtigsten, heute verfügbaren Quellen zur Geschichte der Gesellschaft bis etwa 1960 sind die Berichte über diejenigen Kongresse, die tatsächlich stattgefunden haben. Außerdem gibt es Angaben in Fachzeitschriften. In welchem Umfang Briefe einsehbar sind, in denen Teilnehmer oder andere Personen über die Gesellschaft, ihre Planungen und Durchführungen erzählen, ist nicht bekannt. Über die Mitglieder der Gesellschaft berichten die offiziellen Kongressberichte nahezu regelmäßig. Nur bei dem Bericht des Tübinger Kongresses 1934, publiziert 1935, wurde eine Aufstellung der Mitglieder unterlassen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde den Kongressberichten eine Mitgliederliste beigefügt, und zwar im gemeinsamen Bericht über den 17. und den 18. Kongress. Der Bericht wurde allerdings erst 1953 gedruckt und teilte den Stand dieses Jahres mit. Die Quellenlage hat sich seit früheren Darstellungen der Geschichte der Gesellschaft nicht nennenswert geändert. Dazu zählen Gundlach und Stöwer (2004), Schönpflug (2020), Sommer (1932) sowie Traxel (2004). Nach diesen Bemerkungen über die Quellenlage zur Geschichte sei dargestellt, dass die Gesellschaft für experimentelle Psychologie keineswegs die früheste Gesellschaft für Fragen der Psychologie war. Ältere psychologische Gesellschaften
Der berühmte Berliner Internist, Neurologe und Psychiater Wilhelm Griesinger gründete Anfang 1867 die Berliner medicinisch-psychologische Gesellschaft. Sie erklärt, sie beschäftige sich vorzüglich mit psychiatrischen, aber auch psychologischen Fragen und habe von Anbeginn an es wünschenswert gefunden, dass nicht ausschließlich Ärzte ihr beitreten, sondern auch Psychologen und solche, welche durch ihren Beruf auf nähere Beschäftigung mit Psychologie hingewiesen seien. In der Tat gehörten die Psychologen Moritz Lazarus und Heyman Steinthal zum Kreis der Gründer. Jedoch beherrschten Themen der Psychiatrie die Sitzungen dieser Gesellschaft, die Psychologie hingegen wurde schrittweise übergangen, und 1879 änderte man den Namen in Berliner medicinisch-neurologische Gesellschaft (Holdorf, 2017). Auch in der mehrere Jahrzehnte später gegründeten Gesellschaft |16|für experimentelle Psychologie, der späteren Deutschen Gesellschaft für Psychologie, werden Ordinarien der Psychiatrie eine wichtige Rolle einnehmen. Eine Art Aufruf zur Gründung von Gesellschaften für experimentelle Psychologie publizierte Joseph Jacobs im Januar 1886 in der englischen philosophischen Zeitschrift Mind. Er stellte fest, dass es für alles Mögliche Gesellschaften gebe, nur nicht für Psychologie. Bald nach Jacobs’ Bemerkung entstanden um Psychologie bemühte Gesellschaften in vielen Ländern. Wie weit dies auf den Mind-Artikel zurückzuführen ist, lässt sich kaum feststellen, doch ist ein Zusammenhang naheliegend. Als im Jahre 1904 die Gesellschaft für experimentelle Psychologie gegründet wurde, hatte es im deutschen Reich schon eine Geschichte psychologischer Gesellschaften gegeben, die Treffen veranstalteten und Publikationen veröffentlichten. Jedoch wurde die Gründung der Gesellschaft 1904 nicht etwa eine umfassende Vereinigung dieser Gesellschaften, sondern sie stellte ein deutliches Gegenprogramm zu diesen älteren Gesellschaften auf. Unmissverständlich zeigte sich dies in einer Auseinandersetzung zwischen Max Dessoir und Wilhelm Wundt. 1889 veröffentlichte Dessoir in der Allgemeinen Zeitung einen Artikel mit der Überschrift „Ueber Arbeitsgebiet und Forschungsweise psychologischer Gesellschaften“. Er stellte fest, dass es reichlich Gesellschaften mit regelmäßigem Ablauf der Versammlungen auch für den kleinsten Wissenschaftbezirk gebe. Nur die älteste der Wissenschaften, die Lehre von des Menschen eigener Seele, habe sich bisher scheu von solchem Betrieb ferngehalten. Die Psychologie, so Dessoir weiter, könne seit Beginn dieses Jahrhunderts den Anspruch erheben, eine exakte Wissenschaft zu sein, und das, folgerte er, erfordere einen besonderen Studiengang für angehende Psychologen, Professuren für Psychologie, psychologische Institute und Gesellschaften in den größeren Universitätsstädten und endlich eine Zeitschrift für Psychologie. Das sind heute selbstverständliche Forderungen. Damals aber, da war sich Dessoir sicher, erfordere ihre Erfüllung noch einen weiten Weg. Er empfahl daher, sich zunächst auf einen Teil der Psychologie zu beschränken, auf das Gebiet, dem das Publikum größtes Interesse entgegenbringe. Er nennt es „Hypnotismus und verwandte Erscheinungen“. Was Wundt davon hielt, sei bald aufgezeichnet. Zunächst seien jene psychologischen Gesellschaften genannt, die Dessoir als bereits vorhanden aufzählte. In London wurde die Society for Psychical Research 1882 gründet, 1884 in Paris die Société de Psychologie Physiologique, 1885 in Moskau eine Psichologitscheskoje Obtschestwo, 1886 in Boston, Massachusetts, die American Society for Psychical Research, 1886 in München die Psychologische Gesellschaft, 1888 in Berlin die Gesellschaft für Experimental-Psychologie, deren Programm bald veröffentlicht wurde (Eine Gesellschaft für Experimental-Psychologie, 1890, S. 57f.). Diese Berliner und |17|Münchener Gesellschaften fusionierten im November 1890 zur Gesellschaft für psychologische Forschung. Von der Münchener Gesellschaft hatte sich zuvor eine Gesellschaft für Experimentalpsychologie getrennt, wie ihr Vorstand Carl du Prel (1889) wissen ließ. Diese Gesellschaften befassten sich mit „Hypnotismus und verwandten Erscheinungen“ wie etwa Telepathie, Mediumismus oder Spiritismus, mit Themen also, gegen die Wundt und die 1904 errichtete Gesellschaft für experimentelle Psychologie erhebliche Einwände vorzubringen hatten. Auch Dessoir hatte gegenüber vielen dieser Themen Bedenken, doch den Hypnotismus wollte er als Forschungsfeld gelten lassen. Wundt (1892/1893, 1892) nutzte Dessoirs Darstellung psychologischer Gesellschaften zur Darbietung seiner eigenen Vorstellungen. Dessoirs Äußerung,...