Simon | Hundsgeschrei | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 544 Seiten

Simon Hundsgeschrei

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8425-1558-1
Verlag: Silberburg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 544 Seiten

ISBN: 978-3-8425-1558-1
Verlag: Silberburg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Aber der Mensch braucht doch eine Zukunft. Oder wenigstens eine Hoffnung.' Tränen liefen ihr über das schmale Gesicht. Wie die jüdische Bevölkerung von den Nazis gedemütigt und drangsaliert wird, erfährt Jakob Winter schon früh am eigenen Leib. Der Spross einer Hohenloher Fabrikantenfamilie blickt in die Abgründe der Zeit - in seiner Kleinstadt im schwäbisch-fränkischen Grenzland und dann im Ghetto in Riga. Unter abenteuerlichen Umständen kann er aus dem Lager fliehen und kehrt nach einer Odyssee durch halb Europa schließlich mit den amerikanischen Truppen nach Deutschland zurück. Doch als er sich hier wieder einleben will, trifft er nicht auf die einst vertraute Heimat, sondern auf Argwohn und bürokratische Schikanen. Der spannende Roman erzählt nicht nur von Jakob Winter, sondern auch von der Schaustellerfamilie Schürbel und der Hohenloher Bauernfamilie Lang. Mit großer historischer Genauigkeit zeichnet Titus Simon berührend und eindringlich ein Panorama des Lebens in der Region vom Ersten Weltkrieg bis in die Fünfzigerjahre.

Professor Dr. Titus Simon, geboren 1954 in Backnang, verheiratet, drei erwachsene Kinder, studierte Rechtswissenschaften, Sozialarbeit, Pädagogik und Journalistik. Er arbeitete zwischen 1975 und 1992 mit jugendlichen Gewalttätern, in der Obdach- und Wohnungslosenhilfe und beim NABU Baden-Württemberg. 1992 bis 1996 hatte er die Professur 'Jugend und Gewalt' an der Fachhochschule Wiesbaden inne, 1996 wurde er an die Hochschule Magdeburg-Stendal berufen. Er lebt heute als freiberuflicher Schriftsteller in Oberrot (Landkreis Schwäbisch Hall).
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In der »Weißen Villa« herrschte eine höchst funktionale Aufteilung der Räumlichkeiten. Salomon Winter hatte den Neubau konzipiert, wenngleich die Bauplanung von einem der besten württembergischen Architekten des ausgehenden 19. Jahrhunderts durchgeführt worden war. Der Zentralbereich des Erdgeschosses bestand aus sinnvoll einander zugeordneten Räumlichkeiten, die geschäftlichen Belangen vorbehalten waren. Der alte Winter hatte nur ein kleines Büro einrichten lassen, denn die Verwaltung der Spiegelfabrik war im Werk lokalisiert. Doch neben dem Büro dienten ein im klassizistischen Stil gehaltener Salon, ein Herrenzimmer und ein Pfeifenkabinett eher der Durchführung geschäftlicher Unterredungen als privaten Zusammenkünften.

Salomon Winter und seine Frau Bertha hatten sich 1915 unmittelbar vor Josephs Vermählung mit Rosa, der einzigen Tochter des im badischen Örtchen Schmieheim lebenden Matzenbäckers David Oberlander, in den zweiten Stock des linken Flügels des schlossähnlichen Anwesens zurückgezogen. Obwohl die Partie vor allem aus der Sicht von Bertha Winter nicht standesgemäß war, hatte man angesichts der besonderen Umstände im zweiten Kriegsjahr nach kurzem, eher symbolischem Vortrag verschiedenartiger Bedenken den Willen der frisch Verliebten seinen Lauf nehmen lassen. Die junge Familie, die erst einmal für längere Zeit durch die alsbald schwangere Ehefrau des in Frankreich kämpfenden Soldaten Joseph Winter repräsentiert wurde, bezog den rechten Flügel der Villa.

Die Großfamilie kam in der Regel am Sabbat, an weiteren religiösen Festen und zu familiären Anlässen zusammen. Von Sonntag bis Freitagmittag wurden die Großeltern und die nun größer werdende junge Familie getrennt bekocht, was der Köchin Emma Goldner und ihren stundenweise beschäftigten Gehilfinnen zusätzliche Mühen bereitete. Immerhin hatte man seit Ende des Jahres 1918 in Franz Fischer einen gleichermaßen hünenhaften wie geduldigen und in allen Belangen hilfsbereiten Fahrer eingestellt, welcher der Köchin vor allem die lästigen Einkäufe abnahm, die trotz der regelmäßigen Lieferungen des Kolonialwarenhändlers Weiß viel Zeit kosteten. Vor allem wusste er weitaus besser mit dem schlitzohrigen Schochet Sigismund Cohn umzugehen, der es künftig nur noch selten wagte, dem Fahrer bei der Aushändigung der meist schon am Vortag bestellten Ware »schweinetreijfes«, also nach den jüdischen Speisegesetzen unreines Fleisch, unterzuschieben.

Fischer hatte ihm bei passender Gelegenheit Prügel angedroht, was weitaus weniger fruchtete als die nachgeschobene Drohung, im Wiederholungsfall in Schwäbisch Hall einzukaufen.

»Beste Ware für die Winters, Cohn, das muss die Richtschnur deines Handelns werden und bleiben«, hatte Fischer gemahnt, der sich vor allem mit dem Juniorchef eng verbunden fühlte, was auf den gemeinsam durchlebten und – wichtiger noch – dem überlebten Grauen der Höllen vor Verdun und in Flandern beruhte.

Als das schüchterne Kind Gustav die ersten Male an den Donnerstagen, an denen nachmittags Unterricht war, mit in die Winter’sche Villa gehen durfte, blieb ihm fast das Herz stehen. Auch wenn er lange Fußwege gewohnt war, machten ihn die 123 Stufen jedes Mal atemlos. Der erste Weg führte meistens in die im Erdgeschoss des rechten Flügels gelegene Küche, in die ihn Jakob mitnahm, um gemeinsam auszuspähen, was Emma heute kochte. Gustav war bislang davon ausgegangen, dass die weiträumige Küche des elterlichen Hofes etwas Besonderes sei, denn sie war weitaus größer und auch besser ausgestattet als die Bauernküchen in der nahen und fernen Nachbarschaft oder die, die er bei gelegentlichen Besuchen der weit verzweigten Verwandtschaft gesehen hatte. Hier im Hause Winter war die Küche so riesig wie die Remise des väterlichen Anwesens. Die Wände waren übermannshoch mit weißblau gemusterten Kacheln gefliest, im holländischen Stil, was dem Bauernbuben lange nichts sagte, denn er wagte auch zu Hause Derartiges nicht zu fragen. Er verstand den Zusammenhang erst, als er nach seiner ersten Verwundung im Sommer 1942 einige Wochen im niederländischen Den Bosch im Lazarett war, bis man ihn nach ärztlich attestierter wiederhergestellter Kriegsverwendbarkeit zur Partisanenbekämpfung nach Jugoslawien versetzte.

An den Wänden und in den Regalen blitzte und funkelte es. Der große Gasherd und der ebenfalls noch betriebene Holzkohleherd waren mit glänzenden Messingstangen eingefasst. Moderner Hausrat aller Art kam zum Einsatz. Bereits Ende der Zwanzigerjahre stand hier ein elektrisch betriebener Eisschrank, ein amerikanisches Modell der Marke Hoover.

Die Köchin war immer freundlich zu ihm, was auch darauf zurückzuführen war, dass er sich in seiner ihm gegebenen Zurückhaltung nur selten einmal mehr als zwei, drei Schritte in den Raum hineinbegab. Und zudem mäkelte er im Unterschied zu Jakob nie an der zwischen Rosa Winter und der Köchin abgesprochenen Speisenfolge herum.

Am Sederabend und manchmal auch an anderen Festtagen wurde die Köchin von den beiden Frauen und in wachsendem Umfang auch von den beiden Mädchen bei der Zubereitung der Mahlzeiten entlastet. Auch die Seniorin des Hauses ließ es sich nicht nehmen, an der rituellen Zubereitung der Speisen mitzuwirken. Dafür fehlte ihr am Sabbat jede Hilfe, die sie ansonsten sowohl von Rosa als auch von den beiden Töchtern Judith und Helene erhielt, die, vier und sechs Jahre älter als Jakob, streng ab ihrem zwölften Geburtstag in das Geschehen in Küche, Haus und Garten eingebunden wurden und denen es bei Strafe verboten war, den Anweisungen der Köchin und anderer im Hause tätiger Erwachsener nicht zu folgen.

Auch die beiden Jungen Elias und Jakob wurden zu allerlei häuslichen Verrichtungen herangezogen, wobei es der sechs Jahre ältere Elias immer wieder verstand, ihm gar zu lästige Aufgaben wie das Schuheputzen oder die Beseitigung von Gartenabfällen mit einer Mischung aus Arroganz und autoritärer Lenkung auf seinen kleinen Bruder zu übertragen. Er half stattdessen lieber dem Fahrer Franz Fischer in der Garage. Bestenfalls ließ er sich dazu herab, auf dessen Anweisung hin den großen schwarzen Wagen zu waschen. Das tat er immer ausgiebig und mit großer Präzision, denn von Fischer wollte er nicht gerügt werden.

Und immer dann, wenn in dem großen Haus und im Sommer auch im weitläufigen Garten eines der zahlreichen Feste vorzubereiten war, die vor allem Großvater Salomon für seine Freunde, Geschäftspartner und die örtlichen Honoratioren ausrichtete, unter denen bis 1933 Nichtjuden deutlich in der Überzahl waren, mussten alle Kinder mithelfen. Meist begannen die ersten Vorbereitungen schon am Vortag. Bei diesen Anlässen übernahm Großmutter Bertha die Regie. Selbst die Schwiegertochter, die seit den frühen Zwanzigerjahren den häuslichen Bereich dominierte, musste sich nun mit der zweiten Geige begnügen. Rosa Winter nahm diese gelegentlichen Zurücksetzungen klaglos hin. Sie war klug und feinsinnig genug, um an diesem Punkt keinen Streit mit ihrer Schwiegermutter vom Zaun zu brechen.

Ein Höhepunkt unter den Festen und Feiern Seelbachs war das alljährliche Sommerfest im Winter’schen Garten, zu dem auch zahlreiche sonst nicht im Hause Winter verkehrende Seelbacher erschienen, darunter auch der Polizeikommandant Angelbauer und die Pfarrer der beiden christlichen Konfessionen. Besonders zahlreich waren die Mitglieder des Veteranen- und Kriegervereins vertreten, in dem der als Leutnant aus dem Weltkrieg heimgekehrte Joseph Winter eine nicht unbedeutende Rolle spielte. So hatte er die Hälfte der Kosten übernommen, die anlässlich der Herstellung einer neuen Fahne für die Seelbacher Veteranenvereinigung entstanden waren. Obwohl der Sedanstag im August 1919 als nationaler Feiertag abgeschafft worden war, kam es, wie in vielen anderen Orten, auch in Seelbach noch immer an jedem 2. September zu einem Aufmarsch der Militärvereine. Dabei, wie auch am Volkstrauertag, stand Joseph Winter in seiner frisch aufgebürsteten Galauniform in der ersten Reihe. Während ihm die Uniform auch noch Jahre nach dem großen Krieg tadellos passte, begannen die Röcke vieler anderer Veteranen mehr und mehr zu spannen, was manche als Ausdruck der deutlich verbesserten Ernährungslage deuteten.

Zum Sommerfest wurden auch die örtlichen Vertreter des Sports eingeladen, wobei jedoch der neu entstandene, den Kommunisten nahestehende Verein »Fichte Seelbach« nie vertreten war. Großvater Salomon erwiderte auf die heftigen Proteste des kleinen Jakob, der zusammen mit Alfi bei »Fichte« das im bürgerlichen Sportverein nicht praktizierte Rhönradturnen zu erlernen begann, es habe keineswegs mit der verabscheuungswürdigen weltanschaulichen Ausrichtung des Vereins zu tun, sondern einzig und allein mit dem Umstand, dass dessen erster Vorsitzender kein anderer als Pinchas Spighel war, der nach den unwürdigen Vorgängen des Jahres 1918 nicht nur die Fabrik, sondern das gesamte Winter’sche Anwesen niemals mehr würde betreten dürfen.

Dass es später doch...


Professor Dr. Titus Simon, geboren 1954 in Backnang, verheiratet, drei erwachsene Kinder, studierte Rechtswissenschaften, Sozialarbeit, Pädagogik und Journalistik. Er arbeitete zwischen 1975 und 1992 mit jugendlichen Gewalttätern, in der Obdach- und Wohnungslosenhilfe und beim NABU Baden-Württemberg. 1992 bis 1996 hatte er die Professur "Jugend und Gewalt" an der Fachhochschule Wiesbaden inne, 1996 wurde er an die Hochschule Magdeburg-Stendal berufen. Er lebt heute als freiberuflicher Schriftsteller in Oberrot (Landkreis Schwäbisch Hall).



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