E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Suding Reißleine
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-451-82727-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie ich mich selbst verlor – und wiederfand
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-451-82727-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Wirtschaftswissenschaften Wirtschaftswissenschaften Wirtschaft: Sachbuch, Ratgeber
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologie / Allgemeines & Theorie Psychologie: Sachbuch, Ratgeber
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Kapitel 2
Die Ruhe vor dem Sturm
November 2010 Die letzten Tage und Wochen waren anstrengend. Es ist viel los in der PR-Agentur, die mich als Freelancerin angeheuert hat. An freie Tage oder Urlaub war nicht zu denken. Meine Kinder Johann und Jacob kommen 2002 und 2004 zur Welt. Noch als sie sehr klein sind, mache ich mich selbständig und arbeite seither als PR-Beraterin. Agenturen buchen mich, um Personalengpässe auszugleichen. Das kommt oft vor. Wenn neue Kunden dazukommen und ein neues Team aufgebaut wird. Oder wenn plötzlich jemand kündigt. Oder das Team die Arbeit nicht mehr allein schafft. Dann rufen sie mich an. Für mich ist es eigentlich der perfekte Job. Ich muss mich an keinen Arbeitgeber fest binden, keinen Urlaub einreichen, keine zermürbende Routine fürchten. Ich verdiene gutes Geld und bin flexibel, wenn meine Söhne mich brauchen. Trotzdem mag ich es, für ein Projekt auch mal länger, manchmal mehrere Monate, zu bleiben. Mich an die Kollegen und den Kunden zu gewöhnen, Teil des Teams zu werden und tief einzusteigen. So ist es auch im Sommer und Herbst 2010. Den Kunden, den ich für die Agentur betreue, kenne ich gut. Ich habe bereits in den Jahren zuvor ab und zu für ihn gearbeitet. Im Hinterkopf habe ich dennoch immer den Gedanken daran, dass das nächste Projekt noch toller, noch spannender sein kann, mich noch mehr fordern wird. Aus meinem Umfeld höre ich oft von Menschen, dass die freiberufliche Tätigkeit, wie ich sie ausübe, nichts für sie wäre. Zu unsicher. Nicht zu wissen, ob und wer sie im nächsten oder übernächsten Monat bezahlen wird, das sei doch permanenter Stress. Für mich ist es genau das Gegenteil. Ich finde es herrlich, dass sich mir immer wieder neue Chancen bieten. Doch Ende November 2010 fühle ich mich ausgelaugt. Der Hamburger Winter kündigt sich kalt und nass an. Ich hasse den November, schon immer. Es wird kaum hell, alles ist trist und dunkel, vom vorweihnachtlichen Glanz und der Vorfreude auf das Fest ist noch nichts zu spüren. Es ist an einem Donnerstagabend, ich sitze noch an meinem Schreibtisch im Großraumbüro und gehe die nächste Woche durch. Ich stutze. Keine großen Meetings, keine wichtigen Deadlines, kein Kundentermin. Ich schließe die Augen und träume mich unvermittelt an einen Strand, ganz allein, nur ich, ein Glas Weißwein und ein gutes Buch in der Hand. »Warum eigentlich nicht? Wozu bin ich denn selbständig?«, denke ich bei mir. Ich beschließe, dass ich eine Auszeit verdient habe. In die Suchmaschine tippe ich »Last Minute am Strand«. Ins Auge fällt mir sofort ein Angebot für eine Woche Ägypten. Schöne Hotelanlage mit Zugang zum Meer, guter Preis. Übermorgen, am Samstag, könnte es losgehen. Ich rufe meinen Mann Christian an und frage ihn, ob er eine Woche mit den Kindern allein klarkäme. »Ja«, sagt er. In Gedanken falle ich ihm um den Hals. Ich buche online, und keine 36 Stunden später bin ich auf dem Weg in die Sonne Ägyptens. Ich liebe Spontanität. Das Gefühl, dass jederzeit im Leben eine Überraschung auf mich warten kann. Man muss sich nur darauf einlassen. Ich freue mich riesig auf ein paar Tage, in denen ich nichts weiter tun werde als schlafen, essen, lesen und ein bisschen Sport machen. Ich werde meine leeren Akkus auffüllen und Platz schaffen für neue und kreative Gedanken. Zumindest ist das mein Plan. Die Anreise verläuft ohne Zwischenfälle. Das Hotel ist schön und sieht genauso aus wie auf den Bildern. Am zweiten Tag komme ich nach dem Schwimmen in der riesigen Poollandschaft zurück in mein Zimmer. Ich werfe einen Blick auf mein Telefon, das auf dem Bett liegt. »Huch, da muss etwas passiert sein«, schießt es mir angesichts der vielen Nachrichten, die auf dem Display angezeigt werden, durch den Kopf. Neugierig beginne ich zu lesen. Das ist ja der Hammer! Die Hamburger Grünen, damals heißen sie noch GAL (Grüne Alternative Liste), laden am Mittag zu einer Pressekonferenz ein, auf der sie das Ende der schwarz-grünen Koalition verkünden wollen. Es ist das bundesweit erste Regierungsbündnis dieser Art auf Landesebene und hat nur gut zweieinhalb Jahre überdauert. Seit dem Rückzug des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust (CDU), der wenige Monate zuvor am Abend eines aus seiner Sicht nicht gut ausgegangenen Referendums zur Hamburger Schulpolitik das Handtuch geworfen hat, gibt es zwischen den Koalitionspartnern Schwierigkeiten. Immer wieder kommt es zu Streit. Erst wenige Tage zuvor hat der CDU-Finanzsenator während einer Bürgerschaftsdebatte seinen Rücktritt erklärt. Nun also der Koalitionsbruch. Damit habe ich nicht gerechnet, vermutlich hat das kaum jemand. In ersten Medienberichten wird darüber spekuliert, dass sich die Bürgerschaft am 15. Dezember auflösen und es am 20. Februar des nächsten Jahres Neuwahlen geben soll, mehr als ein Jahr vor dem regulären Ende der Legislaturperiode. Mir ist sofort klar, dass dieses Ereignis, auf das ich keinerlei Einfluss genommen habe, meine Leben gründlich auf den Kopf stellen könnte. »Du musst es machen!«, ist der Tenor der meisten Nachrichten, die ich von Parteifreunden auf meinem Telefon lese. Und es kommen immer neue dazu. »Es machen«, damit meinen sie die Spitzenkandidatur für die jetzt plötzlich und kurzfristig anstehende Bürgerschaftswahl. Auf die unser FDP-Landesverband mitnichten vorbereitet ist, denke ich mit Unbehagen. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich über eine Bürgerschaftskandidatur nicht bereits nachgedacht hatte. Ich hatte sogar über die Spitzenkandidatur nachgedacht. Es gibt nicht wenige in meinem Hamburger Landesverband, die mich dazu ermuntert haben. Ich habe meine Sache bei der Wahlkreiskandidatur in Hamburg-Altona für die Bundestagswahl 2009 ordentlich gemacht. Aber die Bürgerschaftswahl schien mir damals noch so weit weg. Sie sollte ja auch erst 2012 stattfinden. Und jetzt das. Ich muss mich erst mal setzen und tief durchatmen. Will ich das wirklich? Will ich eine so radikale Veränderung in meinem Leben? Die würde das Abgeordnetenleben zweifellos mit sich bringen. Ich bin doch eigentlich ganz zufrieden. Angekommen in meinem Job. Ich habe einen festen Plan, habe eine neue Aufgabe zugesagt, die gleich im Januar starten soll. Mein Job lässt mir genügend Zeit und Raum, um mich um meine Kinder zu kümmern. Mir bleibt sogar Zeit, mich politisch zu engagieren – ehrenamtlich. Warum um alles in der Welt soll ich an diesem Zustand etwas ändern? Ich kenne die Antwort bereits. Schon länger nagen Zweifel an mir, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Immer häufiger lassen sich die Gedanken daran nicht mehr verdrängen, dass ich mich in meinem Job mit Dingen beschäftigen muss, die mich nicht wirklich berühren. Die mit mir und meinem Leben nichts zu tun hatten. Die ich mache, weil sie eben gemacht werden müssen. Aber es fehlt die Leidenschaft, die ich so gern in meinem Job spüren will. Wie oft wünsche ich mir, dass ich noch viel mehr Politik machen kann. Das ist es, was mich wirklich fasziniert. Das ist es, worauf ich mich konzentrieren will. Ich möchte noch viel tiefer einsteigen, ich will herausfinden, was ich als Mitglied eines Landesparlamentes bewirken kann. Wie ich dazu beitragen kann, dass das, was wir bisher nur in Wahlprogrammen und Pressemitteilungen aufgeschrieben haben, Realität wird. Ich verbringe den ersten Teil des Nachmittages damit, mich abzulenken. Räume mein Zimmer auf, lese ein Buch, gehe zu einem Yogakurs. Aber meine Gedanken schweifen immer wieder ab zu den Ereignissen im fernen Hamburg. Ich wünsche mir einerseits, vor Ort zu sein, die Stimmung zu erleben und dabei zu sein, wenn sich mein Landesvorstand morgen zu einer Sondersitzung trifft. Andererseits bin ich froh, weit weg zu sein und der Aufregung erst mal zu entkommen. Schließlich gebe ich es auf und mache mich daran, ein paar Dinge für mich zu klären. Ich führe Dutzende von Telefonaten. Zuerst rufe ich meinen Mann an. Mir ist klar, dass ich die Kandidatur und später ein Bürgerschaftsmandat nicht ohne die Unterstützung meiner Familie packen werde. Ich werde noch mehr unterwegs sein, vor allem an den Abenden und den Wochenenden. Mein kleiner Sohn Jacob ist erst vor ein paar Monaten eingeschult worden, Johann ist acht und geht in die dritte Klasse. Sie sind keine Babys mehr, aber sie brauchen definitiv jemanden, der sich verlässlich um sie kümmert, wenn sie aus dem Hort nach Hause kommen. »Diese Chance musst du nutzen. Wir schaffen das, ich helfe dir«, sagt mein Mann zu mir, nachdem wir die Lage besprochen haben. Wir kennen uns seit mehr als zehn Jahren, ich habe eigentlich keine andere Antwort von ihm erwartet. Trotzdem fällt mir ein Stein vom Herzen. Ohne die Unterstützung von Christian würde ich es nicht machen. Ich könnte es auch gar nicht schaffen. Es läuft längst nicht immer alles gut zwischen uns. Aber ich habe einen tollen Mann geheiratet, der obendrein ein wunderbarer Vater ist. Gleichzeitig wird mir klar, dass ich jetzt nur noch an mir selbst scheitern kann. Das »Go« von zu Hause habe ich. Ich spreche mit Parteifreunden und lasse mich auf den neuesten Stand bringen. Wer bringt sich in Stellung für welche Position? Wer zögert und will sich bitten lassen? Wer hat abgewunken? Ich rufe Freunde an. Keiner von denen, die ich anrufe, rät mir dazu, die Finger von der Sache zu lassen, ganz im Gegenteil. Ich gebe zu, das liegt durchaus auch an der Auswahl meiner Gesprächspartner. Es gibt Parteifreunde, die mich unbedingt als Spitzenkandidatin verhindern wollen. Die rufe ich natürlich nicht an. Und sie mich auch nicht. Wir wissen auch so um unsere...