Buch, Deutsch, 395 Seiten, Format (B × H): 141 mm x 213 mm, Gewicht: 490 g
Eine ethnographische Studie im Fanblock
Buch, Deutsch, 395 Seiten, Format (B × H): 141 mm x 213 mm, Gewicht: 490 g
ISBN: 978-3-593-39508-1
Verlag: Campus Verlag GmbH
Längst ist Fußball keine reine Männersache mehr – aber die Fankultur ist immer noch männlich dominiert. Almut Sülzle rekonstruiert die männliche Grammatik im Fanblock und porträtiert weibliche Fans, die einen gleichberechtigten Platz innerhalb der männlich geprägten Fankultur einfordern und dabei Sexismen ironisieren. Der ethnographische Blick auf die Welt des Fußballs verwandelt diese in einen Gegenstand kritischer Wissenschaft und zeigt die Fanszene als karnevaleske Sonderwelt, in der traditionelle Rollenklischees über Bord geworfen werden können.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Sport | Tourismus | Freizeit Sport Ballsportarten American Football Fußball
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Spezielle Soziologie Sportsoziologie
- Sozialwissenschaften Sport | Tourismus | Freizeit Sport Sport: Psychologie, Soziologie, Ethik
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Soziale Gruppen/Soziale Themen Gender Studies, Geschlechtersoziologie
- Sozialwissenschaften Ethnologie | Volkskunde Ethnologie Sozialethnologie: Familie, Gender, Soziale Gruppen
Weitere Infos & Material
Inhalt
Danksagung 9
1 Einleitung 11
2 Ethnographische Fußballfanforschung 19
2.1 Forschungsstand: Das Fußballstadion als Forschungsfeld 19
Geschlechterforschung zu Fußballfans 20 - Fußballfans, Cultural Studies und die ethnographische Fußballforschung 33 - Forschende Fußballfans und gefürchtete Spielverderber 35
2.2 Theorie: Empirische Geschlechterforschung und doing gender: Von der Theorie zur Methode und wieder zurück 39
Doing gender und das symbolische System der Zweigeschlechtlichkeit 39 - Männlichkeitsforschung 49
2.3 Methoden: Feldforschung im Fanblock 55
Ethnographie der Geschlechter 56 - Methodische Umsetzung: Der Blickwechsel 58 - Auswertung und Darstellung 63
2.4 Forschungsverlauf: Ethnographische Forschung im männlichen Raum 65
2.5 Forschungsfeld Kickers Offenbach: Der Verein, das Stadion, die Fans 73
3 Rahmung: Fußball als Feld sozialer Aufladung 80
3.1 Fußballgeschichte als Klassengeschichte
und Geschlechtergeschichte 82
Fußball als bürgerliche Selbstvergesellschaftung 82 - Fußball und Männlichkeit wachsen zusammen 85
3.2 Zwei Quellen für die Aufladbarkeit des Fußballs 91
Die hegemoniale Sportkultur 92 - Die Neutralisierung des Sports 93
3.3 Fußballfans im Fußballkosmos 96
Zwischen Kommerzialisierung und Tradition: Ein Widerspruch, der verbindet 96 - Der Fußballkosmos: Fußball 101 - Fußballfankultur als Teil der Populärkultur 106
3.4 Fazit 114
4 ›Alles geben‹: Spaß, Leid und Leidenschaft unter ›echten Fans‹ 117
4.1 Die Figur des ›echten Fans‹ 117
4.2 Karnevaleske Sonderwelt 123
4.3 Traditionen erfinden 128
4.4 Fazit 140
Porträt Ben: "Die spielen nicht so gut, dann feiern die Fans sich untereinander" 143
Porträt Doro: "Man leidet zusammen, man feiert zusammen und man hat zusammen Spaß" 153
5 Gewalt 158
5.1 Gewalt und Fans 159
5.2 Gewalt und Männlichkeit 172
5.3 Gewalt und Androzentrismus 187
5.4 Fazit 196
Porträt Nico: "Wo du alles rauslässt so im Quatsch" 199
6 "Wir sind alles Offenbacher Jungs": Männlichkeit in der Fußballfankultur 207
6.1 Fußball als Männerort 208
6.2 Bilder und Klischees: männlich - weiblich 216
6.3 Sexismus 223
6.4 Wettbewerbsgemeinschaft 228
6.5 Geschlechter-Steinzeit im Fußball? 243
6.6 Fazit 256
7 Die Begleiterin: Ein Phantom mit realen Folgen 258
7.1 Die Begleiterin im Stadion 258
7.2 Das Klischee und seine Wirkung 269
7.3 Wer spricht wie über die Begleiterin? 271
7.4 Das Klischee lebt: Die Begleiterin im Alltag der Fans 280
7.5 Fazit 284
8 Frauen in der Fankultur 287
8.1 Gleichheit 287
Fan werden 287
Porträt Yvonne, Teil 1: Die Initialzündung 293
Als Frau in der männlichen Fankultur: Anerkennung der Männerwelt 298 - Fußballfankultur soll männlich bleiben 303
8.2 Differenz 304
8.3 Geschlechterpolitische Umgangsweisen 308
›Knallhart und ein bisschen anders‹: Männlichkeit ist nicht nur für Männer da 308 - ›Gleichwertiger Fan‹: undoing gender 312 - Sexism sucks: Veränderungen fordern und erkämpfen 318 - Frauenfanclubs und Frauensolidarität 324
Porträt Yvonne, Teil 2: Titten auswärts 330
Grenzen verwischen 336 - Die Girlie-Variante: Klischees nutzen 341
8.4 Fazit 342
9 Fazit und Schlussfolgerungen: Die männliche Fußballfankultur als Ort für Frauen 347
9.1 Zusammenfassung 347
Die Männlichkeit der Fankultur 348 - Die männliche Grammatik und die weiblichen Fans 351 - Frauen in der Männerwelt Fanblock: (K)eine ganz andere Geschichte 352 - Hegemoniale Männlichkeit und Fußballfans: Sechs Krawatten und ein Fanschal 357
9.2 Ausblick: Das Grölen der Fußballfans und sein Echo in der Wissenschaft 360
Interviewleitfaden 365
Vorstellung der GesprächspartnerInnen 367
Abkürzungen und Glossar 371
Abbildungsverzeichnis 374
Literatur und Quellen 375
Was ist männlich?
"Was ist männlich?" fragte ich KollegInnen, Verwandte und Bekannte. Die Antworten waren, in unterschiedlicher Reihenfolge: Fußball, Technik, Autos, Militär, Sex. In kleinen Variationen noch ergänzt um Boxen, Computer, Krieg, Pornographie, Motorräder. Fußball kam fast immer vor und stand meist an erster Stelle. Diese Schlagwörter haben, alleine durch die Tatsache, dass sie immer in Kombination mit Männlichkeit gedacht und erwähnt werden, eine wichtige Bedeutung für aktuell gültige Männlichkeitsvorstellungen. Männliche Sportarten und technische Artefakte sind zu Symbolen für Männlichkeit geworden.
Frauen in Männerdomänen
Zum Fußball gekommen bin ich durch mein Interesse an Männlichkeitsforschung. Zum Thema Männlichkeit hat mich die kulturwissenschaftliche Technikforschung geführt. Bei meiner Beschäftigung mit dem Themenfeld Technik und Geschlecht (die damals, Ende der Neunzigerjahre, geläufigere Bezeichnung lautete ›Frauen und Technik‹) ging es - so der Wunsch der staatlichen Auftraggeber - vor allen Dingen darum, junge Frauen im Zuge der Gleichberechtigung für Technik zu interessieren. Geforscht wurde damals hauptsächlich zu den Ausschlussmechanismen des Arbeits- und Ausbildungsfeldes Technik, die eine stärkere Beteiligung von Frauen in Technikberufen behindern. Dabei wurde auch gefragt, inwiefern Männlichkeitsvorstellungen Teil der Technikwelt sind. Es war in Mode gekommen, auch die kulturelle Komponente der Männerdomänen zu erforschen, allerdings erwies sich das ›Kulturelle‹ als zu kompliziert und zu vielschichtig, um sich ohne Weiteres in die geforderten Ursache-Wirkungs-Modelle einzufügen. Forschung und Praxis kamen nicht voran.
Die Entfremdung zwischen Forschung und Feld war offensichtlich. Nicht nur, weil die Forscherinnen sich stets mehr für Geschlecht und die Beforschten sich mehr für Technik interessierten. Sondern auch, weil die Frauen selbst, ihre Wünsche und Belange und ihr Expertinnenwissen aus dem Inneren der Männerdomäne in der Forschung kaum eine Rolle spielten, obwohl die Forschung zugleich angetreten war, ›den Frauen‹ oder vielmehr ›der Sache der Frau‹ zu helfen. Die Definitionsmacht darüber, was ›die Sache der Frau‹ sei, oblag dabei allerdings den Forscherinnen. Frauen und Männlichkeit wurden von ihnen als Feinde gegenübergestellt. Dies ist einerseits logisch, wenn man bedenkt, dass es auch die Männlichkeitsbilder sind, die Frauen aus der Technikbranche ausschließen und ihnen Zugang zu und Anerkennung im Technikumfeld wenn nicht verwehren, so doch zumindest erschweren. In Gesprächen mit Technikerinnen und Technikstudentinnen stellte sich jedoch rasch heraus, dass sie weder mit der Technik noch mit der Männlichkeit verfeindet sind und sie um beides kein großes Aufhebens machen möchten. Denn die Aufmerksamkeit, die die Forschung ihnen ›als Frauen‹ schenkte, kam oft einer Verdoppelung der Besonderung gleich.
Im Sinne der These von der Unvereinbarkeit von Weiblichkeit und Männerdomänen galten in dieser Forschung auch ›Frau sein‹ und Technikinteresse als unvereinbar. Das führte zu der Vermutung, Frauen würden in einer solchen Männerkultur entweder unglücklich, weil sie unterdrückt und ausgeschlossen seien, oder sie vermännlichten und würden im Zuge ihrer verzweifelten Überanpassung gar zu den ›besseren Männern‹. In beiden Fällen, so die Annahme, drohe der Verlust der Geschlechtsidentität oder zumindest ein unüberwindlicher Rollenkonflikt.
Meine Arbeit mit jungen Technikerinnen und Informatikerinnen hatte mich zu der Überzeugung gebracht: Diese Frauen sind anders als die Frauen-und-Technik-Forschung sie sich im Allgemeinen vorstellt. Weder die Fragestellungen noch die Hilfsangebote funktionierten. Das hat mich neugierig gemacht zu erforschen, wie junge Frauen in Männerdomänen selbst ihre Welt beschreiben. Wie sieht die (Männer )Welt aus einer Perspektive von Frauen mit der Haltung ›Ich bin hier gleichberechtigt‹ aus? Das setzt voraus, Frauen, die sich in männlichen Feldern als gleichberechtigt und anerkannt beschreiben, als solche ernst zu nehmen. Daraus folgte zunächst meine Abwendung von erklärenden Theoriemodellen. Ich entschied mich für möglichst offene, ethnographische Zugänge. Meine Fragen wurden grundsätzlicher: Wieso hat Technik ein Geschlecht? Was macht überhaupt einen Themenbereich männlich? Wie wird diese Männlichkeit aufrechterhalten? Welche Praxen stehen dahinter? Und immer wieder: Wie sehen sich eigentlich die in Männerdomänen gar nicht so selten anwesenden Frauen selbst?
Mit diesen Fragen habe ich mich der Fußballfankultur zugewandt. Meine Untersuchung zu weiblichen Fans und zu Männlichkeiten in der Fußballfankultur verstehe ich auch als exemplarische Studie zum Thema Frauen in männlich konnotierten Feldern. Damit möchte ich zugleich eine ›andere Geschichte‹ erzählen - eine Geschichte, in der Frauen weder die besseren Männer sind, noch grundsätzlich entgeschlechtlicht oder verdrängt werden und auch nicht dazu verdammt sind, an ihren angeblichen Rollenkonflikten und Identitätsproblemen zu leiden oder gar zu scheitern.
Männerdomäne Fußball
Fußball erscheint mir dafür als ein ideales Untersuchungsfeld. Fußball ist ein vielschichtiger Komplex, der Profiliga, Freizeitaktivitäten und (Massen ) Konsum umfasst und er gilt in vermutlich allen Bereichen der deutschen Gesellschaft, quer durch alle Klassen und Schichten, als Hort der Männlichkeit und als Ort für Männer. Zugleich ist die Präsenz von Frauen im Fußballkosmos nicht zu übersehen: Die deutsche Frauenfußballnationalmannschaft feiert große Erfolge und bleibt dabei nicht unbeachtet. Der Deutsche Fußballbund (DFB 2011) verzeichnet seit einigen Jahren in den Jugendabteilungen der Fußballvereine bei den Mädchen einen höheren Zuwachs als bei den Jungen. Die beliebteste TV-Sportart der Männer ist Fußball, die beliebteste TV-Sportart der Frauen ist Fußball und bei wichtigen Spielen sitzen genauso viele Frauen wie Männer vor dem Fernsehgerät (vgl. Kerschgens 2005). Aber trotzdem würden fast alle dem Satz zustimmen: Fußball ist männlich. Statistik und Konnotation stimmen hier nicht überein. Man könnte also vermuten: Fußball ist ein Sport und ein Feld der Populärkultur, in dem es besondere Anstrengung kostet, die damit verbundene Männlichkeit aufrechtzuerhalten. Das macht die Frage, wie der Fußball männlich wurde und wie er es auch bleibt, umso interessanter.