Thiede / Thielen | Lasst uns nicht allein! | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Thiede / Thielen Lasst uns nicht allein!

Was Alleinerziehende und ihre Kinder nach der Trennung brauchen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-451-82729-7
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Was Alleinerziehende und ihre Kinder nach der Trennung brauchen

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-451-82729-7
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Deutschland gibt es mehr als 2,6 Millionen alleinerziehende Eltern, ein großer Teil fühlt sich in dieser Familiensituation stark belastet und oft von der Gesellschaft alleingelassen. Die Reportagen und Interviews in diesem Buch erzählen Geschichten von alleinerziehenden Müttern und Vätern, die neuen Lebensmut durch die Teilnahme an einem speziell für Ein-Eltern-Familien entwickelten Programm gefunden haben: wir2 – Bindungstraining für Alleinerziehende.

Mit Glossar, Literaturhinweisen, Links, Adressen und Telefonnummern für Ansprechpartner in der Praxis

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»Armut an Geld und Armut an Beziehungen – das sind die beiden großen Krankmacher bei Alleinerziehenden«
Aus seinem Beruf heraus liegt Prof. Matthias Franz die emotionale, psychische Verfassung von Alleinerziehenden besonders am Herzen. Der Weg des Psychoanalytikers und Psychotherapeuten zu wir2 war nicht nur durch sein Studium und den beruflichen Werdegang geprägt, sondern hat auch persönlich-familiäre Gründe. ??? Auf einer Anrichte steht eine Halbplastik aus Alabaster. Es ist eine »Mutter mit Kind«. Das Kind ist kein Baby mehr und vermutlich drei, vier Jahre alt. Seine Mutter lächelt etwas verschämt zur Seite. »Der Kleine ist verliebt in sie«, wird Matthias Franz später erzählen. »Und die junge Mutter weiß noch nicht so ganz, wie sie damit umgehen soll.« Neben der Skulptur gibt es Grafiken und Ölbilder im Wohnzimmer des Hauses von Familie Franz. Die Kunstwerke scheinen alle einen Bezug zum Leben und Arbeiten von Prof. Franz zu haben. Geboren wurde der Psychoanalytiker und Facharzt für Psychosomatische Medizin, Neurologie und Psychiatrie 1955 in Minden. Sein Arbeitsort war lange das Universitätsklinikum in Düsseldorf, gut eine halbe Autostunde von seinem Wohnort entfernt. Psychoanalytiker und Psychotherapeut
Wie kommt man als langjährig verheirateter Familienvater zum Thema familiäre Trennung und ihre Folgen? Drei Quellen des Interesses macht Matthias Franz für sich aus, wenn er danach gefragt wird. Zum Ersten nennt er seine Tätigkeit als Psychoanalytiker und Psychotherapeut: »Wer in dem Metier unterwegs ist, der kommt am Thema Trennung nicht vorbei. Fast in jeder Therapie geht es in irgendeiner Form um enttäuschte Liebe, um Verluste, um Kränkungen innerhalb von Liebesbeziehungen bis hin zu Trennungen – ob man sie als Kind bei seinen Eltern oder die eigene Trennung als Liebes- oder Elternpaar erlebt hat und dann sieht, was das mit den Kindern macht. Dieser Objektverlust im Bereich der Psychotherapie ist ein zentrales Thema.« Als Psychoanalytiker erlebe er unmittelbar die Konflikte von Paaren und die Entwicklungsschmerzen von Menschen, weil sie ihre unbewussten kindlichen Wünsche, Verletzungen, Ängste und Beziehungsmuster immer auch in die Beziehung zum Therapeuten einbringen. Das sei in seiner Fachsprache »das Phänomen der Gegenübertragung«. Wer sich dem Thema Trennung stelle, »wird außerdem auch immer persönliche Resonanzen spüren, denn wir alle haben ja schon einmal Liebeskummer erlebt oder in unserer Kindheit Trennungssituationen durchlaufen, die uns mehr oder minder wehgetan haben«. Als Psychoanalytiker sei er durch die Lehranalyse »ein bisschen davor geschützt, die eigenen Betroffenheiten mit den emotionalen Botschaften und Resonanzen der Patienten zu verwechseln, welche sie in uns erzeugen, wenn sie von ihrem Leid sprechen, damit wir sie da spüren und verstehen, wo sie das selber noch nicht können«. Prof. Matthias Franz vor der Halbplastik »Mutter mit Kind« aus Alabaster. Franz ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut. Er entwickelte das Programm wir2. Wissenschaftliche, sozialempirische Studien in Düsseldorf
Die zweite Quelle, die ihn zum Thema Trennung und Alleinerziehende führte, sei »wissenschaftlicher, sozialempirischer Art«. Matthias Franz begann seine berufliche Laufbahn in Mannheim am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Hier machte er seine psychoanalytische Ausbildung und seinen Facharzt. Bei Prof. Heinz Schepank (1930–2018), dem ehemaligen Ärztlichen Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin und Gründungsdirektor der Mannheimer Klinik, habilitierte er sich 1993 an der Heidelberger Universität zum Thema »Empirische Determinanten der Psychotherapieakzeptanz«. Schepank hat in Deutschland Mitte der 1970er-Jahre die größte epidemiologische Studie zur Häufigkeit, zu den Ursachen und zum Verlauf psychogener Erkrankungen angestoßen, die »Mannheimer Kohortenstudie zur Epidemiologie psychogener Erkrankungen«. In diese Forschungen stieg Matthias Franz ab Mitte der 1980er-Jahre ein. »Das wichtigste Ergebnis dieser Studie war, dass 25 Prozent aller Erwachsenen von einer psychogenen Erkrankung betroffen sind. Diese Erkrankungen beruhen auf kindheitlich erfahrenen seelischen Verletzungen oder ungelösten psychosexuellen Entwicklungskonflikten, die aus dem unbewussten Affektgedächtnis heraus Fehlanpassungen in späteren Stresssituationen bewirken, die dann ihrerseits auf Dauer krank machen und sogar die Lebenserwartung massiv verkürzen können. Die häufigsten sind Angsterkrankungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, psychosomatische Körperbeschwerden wie chronische Schmerzen, Suchterkrankungen oder Essstörungen«, erklärt Matthias Franz. Viele Forscher wollten es damals gar nicht glauben, dass ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland in dieser Weise krank sein soll, so dass eine Replikationsstudie aufgelegt wurde, die dasselbe Ergebnis hatte. »Heute gehen wir sogar davon aus, dass fast ein Drittel aller Erwachsenen an diesen Krankheiten leiden«, unterstreicht Prof. Franz. »Ich war an der Studie beteiligt und sprach persönlich mit vielen Probanden.« Insgesamt wurden 600 Männer und Frauen aus der Mannheimer Stadtbevölkerung interviewt. »Dort lernte ich viele Menschen und ihr Trennungsleid und manch schreckliche Situation in den Haushalten kennen. Einmal kam ich in eine kalte, chaotische Wohnung, in der Möbel zum Heizen auf dem Fußboden verbrannt wurden und Kleinkinder zwischen leeren Wodkaflaschen herumkrabbelten. Viele Studienteilnehmer hätten nie die Chance gehabt, zu einem Psychoanalytiker auf die Couch zu kommen«, berichtet Franz. Durch seine wissenschaftlichen Auswertungen der Datensätze fand er heraus, dass besonders bei den Kriegskindern der Geburtsjahrgänge zwischen 1935 und 1945, bei denen der Vater fehlte, selbst 50 Jahre später noch eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine psychische oder psychosomatische Erkrankung vorlag. »Das war damals neu und zeigte, wie weh der Krieg und die Vaterlosigkeit den Kindern selbst nach einem halben Jahrhundert noch tun konnten. Die Folgen dieser kriegsbedingten Vaterlosigkeit waren mein Einstieg in die Väterforschung.« Auch hier gab es eine Replikationsstudie, und sogar 60 Jahre nach Kriegsende bestätigten sich die Ergebnisse: »Der fehlende Vater ist ein Gesundheitsrisiko.« Mit seinen Entdeckungen über die Bedeutung von Vätern bei der kindlichen Entwicklung und den daraus erwachsenden gravierenden Folgen, wenn sie in den Familien fehlen, ging Matthias Franz an die Öffentlichkeit, weil das Thema bis dahin zu wenig zur Kenntnis genommen wurde. Nun wollte Matthias Franz wissen, wie es in der Gegenwart mit dem Phänomen der fehlenden Väter aussieht. Um das Jahr 2000 führte er in Düsseldorf zusammen mit dem Gesundheitsamt bei den Schuleingangsuntersuchungen die damals größte Studie zu psychosomatischen Beeinträchtigungen bei alleinerziehenden Müttern und deren Kindern durch. Franz und seine Kollegen wollten wissen: »Sind Sie alleinerziehend?« Und: »Brauchen Sie Hilfe?« Bis heute werden diese Fragen nicht bei den Schuleignungsuntersuchungen gestellt. Das Argument des Datenschutzes möchte Matthias Franz hier nicht gelten lassen. Bei der Düsseldorfer Studie vor über zwei Jahrzehnten kam heraus: »Den alleinerziehenden Müttern ging es im statistischen Gruppenvergleich zu Müttern in Paarbeziehungen deutlich schlechter. Sie zeigten massiv erhöhte Beschwerden, Depressivität, psychosomatische Körperbeschwerden und Ängste. Zudem rauchten sie deutlich häufiger. Eigentlich hätte man manche dieser Mütter gleich in eine psychosomatische Klinik aufnehmen müssen. Aber die waren allein, ohne jeglichen Kontakt zum Hilfesystem.« Besonders die Söhne der alleinerziehenden Mütter zeigten in dieser Alterskohorte im Vergleich zu Jungen aus Paarfamilien erhebliche Verhaltensauffälligkeiten. Franz hörte viele traurige Geschichten, und er fragte sich: »Warum kümmert sich da niemand? Warum werden nicht frühzeitig Hilfen angeboten, wenn die Eltern sie brauchen, um selbst in schwierigen Situationen gute Eltern sein zu können?« Matthias Franz bekam zunehmend den Eindruck, dass »an den traurigen Fakten vorbeigeschaut« wurde, um nicht in gute Hilfsangebote investieren zu müssen. »Dabei wissen wir heute aus Studien, dass frühe präventive, psychosoziale Interventionen sich auch volkswirtschaftlich auszahlen.« Die damaligen Ergebnisse wurden 2003 unter dem Titel »Alleinerziehend – alleingelassen? Die psychosoziale Beeinträchtigung alleinerziehender Mütter und ihrer Kinder in einer Bevölkerungsstichprobe« publiziert. Persönliche Betroffenheit in der Großeltern- und ­Urgroßelterngeneration
Matthias Franz’ dritter Zugang zum Thema Trennung und Alleinerziehende ist persönlicher Art. Er hat länger überlegt, ob er dies auch öffentlich machen möchte. »Ich habe beim Betrachten meiner weiter zurückliegenden Familiengeschichte festgestellt, dass in früheren Generationen Alleinerziehen auch ein Thema war. Als Psychoanalytiker fällt es einem dann wie Schuppen von den Augen, dass diese Betroffenheit sich durch mehrere Generationen mitteilt und als Thema des Verlustes weiterwirkt«, gibt er nachdenklich zu Protokoll. »Das hat nachvollziehbare Folgen in der transgenerationalen Matrix auch meiner Familie hinterlassen.« Für ihn schloss sich da ein Kreis, zumal er nun eine emotionale, intuitive Vorstellung davon bekam, was es bedeutet, familiäre Trennung zu erleben und alleinerziehend zu sein. Offen gibt er zu: »Diese Zusammenhänge und subjektiven Komponenten habe ich selbst erst spät...


Thiede, Rocco
geb. 1963, ist als Journalist und Fotograf für Tages- und Wochenzeitungen, den DLF und viele ARD-Hörfunksender zu den Themen Gesellschaft und Soziales tätig.

Thielen, Gunter
Prof. Gunter Thielen ist Vorstandsvorsitzender der Walter F. Blüchert Stiftung. Auf dem Feld der Unterstützung Alleinerziehender ist die Stiftung seit einigen Jahren sehr erfolgreich in Gütersloh aktiv.

geb. 1963, ist als Journalist und Fotograf für Tages- und Wochenzeitungen, den DLF und viele ARD-Hörfunksender zu den Themen Gesellschaft und Soziales tätig.
Prof. Gunter Thielen ist Vorstandsvorsitzender der Walter F. Blüchert Stiftung. Auf dem Feld der Unterstützung Alleinerziehender ist die Stiftung seit einigen Jahren sehr erfolgreich in Gütersloh aktiv.



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