Toalingling | Mein erster Schwultag | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Edition Memoire

Toalingling Mein erster Schwultag

Meine Erfahrungen zu Outing, Identität und Liebe
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8338-8329-3
Verlag: GRÄFE UND UNZER Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Meine Erfahrungen zu Outing, Identität und Liebe

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Edition Memoire

ISBN: 978-3-8338-8329-3
Verlag: GRÄFE UND UNZER Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Du kennst es: Du wachst morgens auf und bist schwul!«
Sind schwule Jungs eigentlich richtige Jungs? Und wie sagt man seinem Umfeld, dass man nicht auf Mädchen steht? Als 15-Jähriger hat sich Tommy Toalingling diese Fragen auch gestellt. Heute gibt er auf seinem YouTube-Kanal mehr als 100 000 Follower*innen auf humorvolle Weise Tipps zum Thema Homosexualität. Tommy ist überzeugt, dass ein Coming-out früher oder später keine Rolle mehr spielt, vielmehr geht es um ein Ankommen bei sich selbst.
Mit seiner eigenen Outing-Geschichte möchte er die jungen Leser*innen seines Buches ermutigen, zu sich zu stehen.
»Auch wenn ich gestehe, dass ich mit 14 Jahren nicht all zu viele Bücher las, so hätte ich mir dieses gewünscht – Tommy ist der Outing-Coach, der mir damals fehlte.«

Fabian Grischkat

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Hinweis zur Optimierung
Impressum
Prolog
Spätzünder
Der erste Kuss
Erkenntnis
Dating
Schwule Nachteile im Job
Vom Alltag betrogen
Große Liebe
Epilog
Anhang
Der Autor


SPÄTZÜNDER
Du kennst das, du wachst morgens auf und plötzlich sind alle aus deinem Freundeskreis verliebt und vergeben. »Nee, ich hab keine Freundin« war von da an eine Antwort, die ich meinen Mitschülerinnen und Mitschülern immer wieder geben musste. »Ich muss ja nicht. Meine biologische Uhr tickt nicht«, sagte ich nicht nur, um die Neugier der anderen endlich zu stillen, sondern auch, um mich selbst davon zu überzeugen. Ich war fünfzehn Jahre alt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich in jenem Sommer allein zu Hause saß und versuchte, mir die Zeit zu vertreiben. So wie das eine Mal, als ich eigentlich unseren Detektivclub wiederbeleben wollte, aber niemand meiner Freunde Zeit hatte. Und es lag ganz bestimmt und auf jeden Fall daran, dass sie keine Zeit hatten, und nicht daran, dass wir bisher absolut gar keinen Fall gelöst hatten und dies auf Dauer frustrierend war. Einmal hatten wir zwar eine Katze gerettet, die in einem Baum saß, aber nur um dann zu beobachten, dass sie nach unserer Rettung wieder in dieselbe Eiche kletterte … Sie wollte wohl gar nicht gerettet werden. Ich schon, und zwar vor der Einsamkeit, in der ich mich gerade befand. Ich saß in meinem Zimmer herum und hoffte, dass meine Freunde ihre Meinung noch ändern würden. Wir hatten doch schließlich immer alles zusammen gemacht. Aber die meisten meiner Freundinnen und Freunde waren jetzt zum ersten Mal vergeben und erfreuten sich daran, mit ihren selbst ernannten Seelenverwandten Zeit zu verbringen. Seelenverwandtschaft, dass ich nicht lache. Was sollte das überhaupt sein? Wahrscheinlich gab es darüber Leserbriefe in den Jugendzeitschriften Bravo oder Popcorn. »Wie merke ich, dass wir füreinander bestimmt sind?«, hieß doch dort jeder zweite Test, der angeblich deine wahre Liebe bestimmen konnte. Ich fand das Konzept der Seelenverwandtschaft jedoch auch aus anderen Gründen seltsam. Denn macht ein Verwandtschaftsgrad einen nicht irgendwie zu … Verwandten? Komische Vorstellung, so mit dem Lebenspartner verwandt zu sein. Aber was soll ich sagen, ich komme vom Dorf. Es gibt nichts, was man da noch nicht gesehen hat. Meine Freunde hielt nichts davon ab, die eigene Verliebtheit jedem unter die Nase zu reiben. Ob man wollte oder nicht. Ich fand es fast schon gruselig, wie alle Pärchen scheinbar aneinanderklebten und turtelnd durch die Schulflure, die Innenstadt oder um den Maschsee zogen. Beinahe haben verliebte Menschen auch was von Zombies. Nur dass Letztere nach frischem Fleisch verlangen und liebestolle Jugendliche nach Tretbooten in Schwanenform. Nirgendwo war man vor denen noch sicher. Und während sie Eis aßen, sich dabei gleichzeitig Liebesbekundungen in die Ohren hauchten und Händchen hielten, vergaßen sie etwas ganz Entscheidendes: Mich! Und das immer wieder. Und so saß ich wieder allein zu Hause und merkte, wie kaum noch jemand Zeit für mich hatte. Mein Handy hatte ich vorsichtshalber auf lautlos gestellt und zur Seite gelegt – außerhalb meiner Reichweite. Es meldete sich ohnehin niemand an diesem schönen Sommertag. So wie sich auch in den vergangenen Tagen niemand gemeldet hatte. Wenn sich doch jemand von meinen Freundinnen oder Freunden erbarmte, Zeit abzuknapsen, stand immer eine Bedingung im Raum: »Schatzi muss mit!« Mittlerweile wollte kaum noch jemand etwas mit mir allein unternehmen und wenn ich nicht wollte, dass »Schatzi« mitkam, dann gab es eine der vielen Ausreden, die ich bestimmt unzählige Male gehört hatte. Ich kannte sie alle, aber sie ließen sich auf eine ganz wesentliche Aussage runterbrechen: »Wir haben leider schon andere Pläne, Tommy. Das verstehst du doch sicherlich.« Klar, ich verstand. Oder zumindest versuchte ich es. Wenn man frisch zusammen ist, möchte man ja auch die Zweisamkeit genießen. Da ist jede andere Person eine Person zu viel. Aber das heißt doch nicht, dass man seine besten Freunde vernachlässigen muss, oder? »Aus den Augen, aus dem Sinn«, pflegte meine Oma schon immer zu sagen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir der Satz schon so früh in meinem Leben begegnen würde. Denn eigentlich waren meine Freunde und ich unzertrennlich gewesen. Wir hatten alles zusammen gemacht. Aber das war mit den neuen Seelenverwandten verpufft. Plötzlich nur noch eine Option zu sein und keine Priorität mehr zu haben, war ungewohnt. Na ja, was soll’s, dachte ich mir oft und schluckte meinen Frust runter. Auch das würde irgendwann vorbei sein. Hoffentlich. Im Winter fährt schließlich keiner Tretboot, das wäre dann meine Chance. Eine Frage, die ich mir fast so oft stellte wie die, ob jemand Zeit für mich hatte, war, wie meine Freunde plötzlich und so völlig unerwartet ihre Seelenverwandten kennengelernt hatten. Hatte es da ein geheimes Treffen gegeben, das Tommys vorenthalten war? Hatte es Beziehungen irgendwo im Angebot gegeben und ich hatte es verpasst? Stand es in der Bravo, dass man mit fünfzehn Jahren eine Freundin haben musste? Obwohl ich meine Freunde so gut kannte, wunderte ich mich über dieses plötzliche Interesse an der Liebe und an einer Beziehung. Bislang brauchten wir so was doch nicht. Wir waren glücklich! Wir waren eine eingeschworene Clique. Jedes Wochenende waren wir verabredet, um Dinge zu unternehmen, Blödsinn zu machen, zu lachen und zu spielen. Wir bauten Buden aus Ästen, Stöcken und Laub, machten Klingelstreiche und traten Straßenlaternen aus (eine Unart, die man vermutlich nur aus der Vorstadt kennt, wenn man schlecht erzogene Freunde hatte). Wir brauchten nur uns und keine Partner oder Partnerinnen, die uns stören würden. Fehlte einmal einer aus unserer Gruppe, machte unsere Unternehmung auch gleich viel weniger Spaß und man freute sich auf ein baldiges Wiedersehen, da man sich dann viel zu erzählen hatte. Alles, was meine Freunde aktuell erzählen konnten, war, wie toll es war, vergeben zu sein! Ach, und ganz vergessen, plötzlich wollte jeder über sein erstes Mal sprechen. Mich verwirrte das. Das erste Mal? Hatte man das so früh überhaupt schon? Und war ich der Einzige, der nicht darüber reden wollte? Wie redete man eigentlich darüber? Ich stellte mir das wie eine Rezension bei Google vor inklusive Sternchenvergabe: »Drei Sterne. Er war stets bemüht, aber am Ende fehlte es an Ausdauer.« Kurzum: Mit fünfzehn hatte ich überhaupt kein Interesse an einer Beziehung, am Händchenhalten, am Küssen oder an diesem einen Mal. Ich konnte nichts Gutes daran finden und je länger ich darüber nachdachte, umso mehr Negatives fiel mir ein. Allein der Gedanke daran, sich vor einer anderen Person auszuziehen, verursachte bei mir ein flaues Gefühl im Magen. Nackt vor einer anderen Person? Danke für das Angebot, aber nein danke. Da überließ ich gerne anderen den Vortritt. Mein Opa würde diese Einstellung »kauzig« nennen. Ich glaube, das heißt so viel wie »nett, aber seltsam«. Das wäre mit fünfzehn auch mein Kommentar zu einem nackten fremden Körper vor mir gewesen: »Nett, dass du das machst. Aber seltsam!« Vielleicht war ich ja auch ein bisschen wie mein Opa. Er ist glücklich ohne Partnerschaft, und das, seit ich denken kann. Er muss keine Kompromisse eingehen und macht das, was ihm gefällt, wie er es will und wann er es will. Fast so wie Pippi Langstrumpf oder Peter Pan. Für mich klang das spitze. Die einzige Krux war, dass ich das schlecht als Argument nutzen konnte, ohne danach vollkommen dumm von der Seite angeschaut zu werden. »Nein, ich habe keine Freundin, weil ich so sein möchte wie mein Opa. Alleine glücklich!« Das klingt nicht nur uncool, das klingt auch so, als ob meine Klassenkameradinnen und -kameraden früher oder später noch einen weiteren Grund haben würden, mich aufzuziehen. Dabei reichte es jetzt schon, da ich der Einzige in der Klasse war, der keine Markenklamotten hatte. Auch wenn bestimmt nicht jeder Originale trug, sondern sich das ein oder andere gefälschte Teil aus dem Polen- oder Tschechienurlaub gegönnt hatte. Das, was zählte, war die Wirkung nach außen: Markenkleidung tragen bedeutete, cool zu sein. Und bei dem Punkt stand ich definitiv im Minus. Sogar noch ein bisschen weiter im Minus als Streber-Kathrin, die unserer Lehrerin fast täglich Geschenke auf das Pult legte. Zu allem Überfluss war ich auch noch der Kleinste aus der Klasse. So klein, dass man mich einfach aus dem Klassenzimmerfenster werfen konnte. Das klingt vielleicht wie ein Witz, aber das hat meine Klasse superoft mit mir gemacht. Ich konnte das Ganze nur dank meiner übermenschlichen Fähigkeiten überleben. Na gut, ich will nicht dramatisieren und dir die Wahrheit sagen. Aber nur dir: Unser Klassenzimmer lag im Erdgeschoss. Ich habe mich also nie verletzt und weil alle gelacht haben, habe ich einfach irgendwann angefangen mitzulachen. Ist ja auch wirklich zum Schießen, so ein Wurf aus dem Fenster. Das war aber die einzige Methode, die mir einfiel, wie ich es trotzdem schaffen konnte dazuzugehören. Wenn ich mich gewehrt hätte, hätten sie bestimmt noch schlimmere Sachen gemacht oder mich irgendwann komplett ausgegrenzt. »Man muss auch mal über sich selbst lachen können«, heißt es doch immer. Wenn ich dann noch gesagt hätte, dass ich wie mein Opa sein wollte, hätte ich direkt die Schule wechseln können – oder besser noch auswandern, meinen Namen ändern oder den eigenen Tod vortäuschen. Idealerweise mit einem Sprung aus dem Fenster, damit sich der Kreis schließt. Nein, das war selbst für mich zu weit hergeholt. Also antwortete ich jedes Mal fast routiniert auf die ständig präsente Frage nach dem Beziehungsstatus: »Nein, ich habe keine Freundin.« Was ich bei meiner kleinen, ernst gemeinten Antwort nicht bedachte, war der Rattenschwanz an...


Toalingling, Tommy
Der Hamburger YouTuber Tommy Toalingling begeistert seine mittlerweile über 100.000 Abonnent*innen mit einfühlsamen und humorvollen Beiträgen rund um die LGBTQ+-Community, Homosexualität, Outing und Hatespeech bzw. Mobbing im Internet. Mit viel Selbstironie, einer großen Schippe Humor und ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben möchte er vor allem Jugendlichen zeigen, dass sie mit ihren Ängsten und Sorgen nicht allein sind.

Der Hamburger YouTuber Tommy Toalingling begeistert seine mittlerweile über 100.000 Abonnent*innen mit einfühlsamen und humorvollen Beiträgen rund um die LGBTQ+-Community, Homosexualität, Outing und Hatespeech bzw. Mobbing im Internet. Mit viel Selbstironie, einer großen Schippe Humor und ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben möchte er vor allem Jugendlichen zeigen, dass sie mit ihren Ängsten und Sorgen nicht allein sind.



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