E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Reihe Hanser
Unseld Man sieht auch mit den Ohren gut
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-423-42905-4
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine kleine Reise in die Musik
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Reihe Hanser
ISBN: 978-3-423-42905-4
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit Musik ist das Leben gleich doppelt schön
Mathis und Muks sind Freunde, die alles gemeinsam machen. Nur eines trennt sie: Mathis liebt klassische Musik, während Muks lieber über eine Wiese tobt. Da kommt es Mathis gerade recht, dass ihnen auf geheimnisvolle Weise die Aufgabe gestellt wird, die Königin der Instrumente zu suchen. Wenig begeistert macht Muks mit, kann er doch seinen blinden Freund nicht allein durch die Zeit reisen lassen. Zum Schluss hat Muks mehr Lust auf Musik. Und Mathis hat ja schon immer gewusst, dass man mit den Ohren auch gut sehen kann.
Für große und kleine Musikmuffel, wie Muks einer ist, der wider Willen am Ende der Reise feststellt, dass Musik unter die Haut geht und einen einfach glücklich macht.
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Samstag
»Mir ist langweilig«, knurrte Muks. Es war jedes Wochenende dasselbe: Wenn Mathis am Samstagvormittag das Radio anmachte, war der Tag gelaufen. Am Samstagvormittag gab es im Radio ein klassisches Konzert. Und während des Konzerts hatte Muks die Schnauze zu halten. Wenn es nach Mathis ging, sollte er sich nicht mal bewegen. Nur still neben ihm auf dem Sofa sitzen und zuhören. Und heute war es besonders schlimm, denn draußen schien die Sonne. Der erste warme Sommertag musste ausgerechnet auf einen Samstag fallen! Muks sah eine Fliege über die Blümchentapete krabbeln und überlegte, ob er sie sich schnappen sollte. Aber wegen einer Fliege einen Rüffel von Mathis riskieren? Lieber nicht. Als könnte sie Gedanken lesen, flog die Fliege haarscharf über Muks’ Kopf und landete auf dem Schirm der Stehlampe neben dem Sofa. Muks zuckte nur kurz mit einer Pfote, aber das reichte schon, dass Mathis aufmerksam wurde. »Schscht!«, machte er und hielt den Zeigefinger vor den Mund. Aber er war Muks nicht wirklich böse, das konnte man deutlich hören. Gleich darauf kraulte er ihn sogar zwischen den Ohren. Und wieder ein bisschen später flüsterte er: »Weich wie Samt!« Muks überlegte, ob damit sein Fell gemeint war oder die Musik, und beschloss, dass es nur sein Fell sein konnte. Muks liebte Komplimente, und sein Fell war nun mal weich wie Samt. Langweilig war ihm allerdings immer noch. »Hörst du das – toll, was?« Natürlich hörte Muks das. Wie er sowieso besser hörte als Mathis, obwohl der ein feineres Gehör hatte als die meisten anderen Menschen. Mathis war blind, darum. »Geht so«, knurrte Muks. Wenigstens strömte die Musik schön langsam dahin und war nicht schrill und laut. Das konnte Musik nämlich auch sein, wie Muks wusste. Nur, toll war sie in den allermeisten Fällen nicht. Toll war zum Beispiel die Hundewiese im Stadtpark, auf der er manchmal herumtoben durfte. Oder der große Baum dort, auf dem die Krähen saßen, die man so schön verbellen konnte. Manchmal traf er auf der Wiese den braunen Zottigen aus der Querstraße. »Kenny« wurde der gerufen, und er war ein guter Kumpel. Wenn ihre Herrchen nicht aufpassten, spürten sie zusammen die Kaninchen auf, die hinter den Holunderbüschen in einem Erdloch hausten. Wenn man nur lange genug bellte, sprangen sie im Zickzack davon. – Es gab viele tolle Sachen, aber Musik zählte für Muks nicht dazu. »Tabammtschum-hum-taao!« Ein grässlich schmetterndes Geräusch riss Muks aus seinen Gedanken. »Hilfe, was für ein Geschepper!«, winselte er. »Banause!«, sagte Mathis und schüttelte den Kopf. »Das ist kein Geschepper, das sind die Blechbläser bei ihrem großen Einsatz im Gewitter!« Muks schob vorsichtshalber den Kopf unter ein Sofakissen. Blechbläsereinsätze gehörten eindeutig zum Schlimmsten, was die Musik am Samstagmorgen zu bieten hatte. »Sie spielen eine Sinfonie«, erklärte Mathis, was die Sache kein bisschen besser machte. Sinfonien waren zu allem Unglück auch noch ewig lang. »Weißt du, eines Tages wirst du Musik auch toll finden, da bin ich mir ganz sicher«, sagte Mathis und tastete unter dem Kissen nach Muks’ Kopf. Das mit dem Streicheln ging in Ordnung, aber was die Musik betraf, hatte Muks seine Zweifel. Jedenfalls heute, am sonnigsten Samstagmorgen seit Wochen. Wenn man den bei Scheppermusik auf dem Sofa verbringen musste, konnten einem als Hund noch ganz andere Zweifel kommen, zum Beispiel daran, ob man damals in der Blindenhundeschule nicht einen großen Fehler gemacht hatte. Muks war dort immer der Beste gewesen. Niemand konnte so haarscharf an Pfützen vorbeigehen wie er, und beim Straßenbahnfahren erwischte er immer die richtige Linie. Na ja, meistens. Und wenn im Park urplötzlich ein Eichhörnchen vorbeihopste, zuckte er nicht mal. Und warum das alles: weil die Lehrerin gesagt hatte, dass die besten Blindenhunde später bei Kindern wohnen dürften. Kinder – das bedeutete Abenteuer, tolle Dinge entdecken, Spiele spielen und, wenn’s unbedingt sein musste, auch lustige Lieder singen. So hatte sich Muks das vorgestellt, und eines Tages war dann Mathis gekommen. Muks hatte ihn gleich gut riechen können, und Mathis hatte ihn zwischen den Ohren gekrault. So hatte es angefangen, und dann hatte sich auch noch herausgestellt, dass sie miteinander reden konnten. Zwar sprachen sie von Hause aus unterschiedliche Sprachen, aber sie hatten schnell voneinander gelernt. Wenn man sich mag, ist das bekanntlich kein Problem. Doch, Muks hatte es gut getroffen – nun ja, bis auf die Sache mit der Musik! Wenigstens ließ jetzt gerade das Geschepper nach, und Muks wagte sich unter dem Kissen hervor. »Kannst du dich an unseren Spaziergang vorgestern erinnern?«, fragte Mathis. So eine dämliche Frage beschloss Muks erst gar nicht zu beantworten. Natürlich erinnerte er sich daran. Er erinnerte sich an alle Spaziergänge, die sie je gemacht hatten. Was Schöneres gab es nämlich nicht, wenn man vom Toben auf der Hundewiese mal absah. Allerdings schien Mathis auch gar nicht auf eine Antwort zu warten, denn er redete einfach weiter: »Weißt du noch, vorgestern nach dem Gewitter? Als die Sonne wieder rauskam? Genauso klingt gerade die Sinfonie, stimmt’s?« Ein Spaziergang wie eine Sinfonie? Heute war anscheinend der Tag der dämlichen Fragen. »Na, was sagst du?«, fragte Mathis und zupfte ihn am Ohr. Was sollte man dazu sagen? Am besten was, was Mathis hören wollte. Vielleicht ging’s dann gleich nach der ewig langen Sinfonie an die frische Luft. Kenny war garantiert schon draußen. Und vielleicht sogar Susi mit dem braun-weiß-schwarz gesprenkelten Fell. Die wollte er schon lange mal zum Herumtollen einladen. Muks ließ ein vorsichtiges Knurren hören: »Doch, ja, das klingt wie …« Jetzt musste ihm blitzschnell was einfallen. Er holte tief Luft. »… äh, das riecht wie vorgestern, wie nach einem Sommerregen.« »Genau! Spitze!« Mathis tätschelte ihm den Kopf. »Überall gab es Pfützen vom Gewitter, und der Himmel war blau und klar. So klar wie das hier, hörst du? – Hörst du, wie strahlend klar das Horn nach dem Gewitter spielt!« Muks hielt ganz still, während eines der Blechblasinstrumente, die ihm nicht geheuer waren, eine jubelnde Melodie spielte. Zugegeben, es klang einladend, wie ein Lied zum Mitsummen, aber klang so ein blauer Himmel? Blaue Himmel rochen doch nicht mal, wie sollten sie da klingen … Aber Mathis war kaum zu bremsen. »Oh, ich liebe das Horn! Und wie jetzt die Geigen seine Melodie übernehmen! Gänsehautmusik ist das. Und jetzt alle zusammen!«, rief er und fuchtelte wild mit den Händen. Er sah aus, als wollte er die Fliege von der Stehlampe und gleich noch einen ganzen Schwarm Fliegen dazu verscheuchen. Muks schüttelte stumm den Kopf. »Eine Sinfonie riecht nach nix, aus, Ende!«, grummelte er leise vor sich hin. Ein Sommermorgen roch, das ja, und noch vieles andere und manches, wovon die Menschen keine Ahnung hatten, auch Mathis nicht. Aber Musik – ausgeschlossen! Doch die Melodie war schön, das musste er zugeben. Gerade jetzt hörte man sie wieder. Und dann so ein Klopfen und Tropfen, ganz vorsichtig und leise, wie vorgestern die Regentropfen, die von den Büschen plitschten. Doch, genauso klang die Musik, die im Radio lief. Sie roch nicht nach Regen, aber sie klang danach. Muks schaute unter das Beistelltischchen, auf dem das Radio stand. Alles trocken. Dann klingelte es an der Tür. Mit einem Satz war Muks vom Sofa und bellte. Erst-mal-Ruhe-Bewahren war das einzige Fach, in dem er in der Blindenhundeschule keine Eins bekommen hatte. »Muks!« Trotzdem hätte Mathis ihn nicht gleich anzufauchen brauchen. Schließlich war es der Klingler, der mitten in die Sinfonie hineinplatzte. Mathis stand auf und ging zur Wohnungstür. Nur ganz leicht berührte er mit den Händen den Türrahmen und die kleine Kommode im Flur. Wer ihn nicht kannte, hätte es wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Muks folgte ihm. Samstags um diese Uhrzeit waren Mathis’ Eltern nicht zu Hause, da machten sie Einkäufe. »Tag, Mathis!«, sagte eine vertraute Stimme, als Mathis die Tür öffnete. »Tag, Herr Krause!« Natürlich, Herr Krause. Wer hätte sonst am Samstagmorgen klingeln sollen? »Hat der letzte Satz schon angefangen? Die schöne Melodie, mit der Beethoven die Landschaft nach dem Gewitterregen malt, war die schon?« Mathis nickte. Wenn Muks die Hoffnung gehabt hätte, dass der Besuch ein bisschen Leben in die Bude brachte, wäre sie spätestens jetzt dahin gewesen. Herr Krause. Der genauso musikverrückt war wie Mathis. Und der genauso gern darüber redete. Und genauso unverständlich. »Zwei Kästen sauren und einen süßen«, sagte er jetzt, und das verstand Muks ausnahmsweise: Herr Krause brachte jeden zweiten Samstag den Sprudel. Heute hatte er es zum Glück eilig. Das merkte man daran, dass er gleich die drei Sprudelkästen von seiner Lieferkarre hob und in die kleine Nische neben der Wohnungstür stapelte. »Ach, müssen Sie gleich weiter?«, fragte Mathis. Es klang enttäuscht, aber Muks konnte einen erleichterten Seufzer nicht unterdrücken. Samstage, an denen es auf Herrn Krauses Liefertour gemütlicher zuging, waren nämlich das Grässlichste überhaupt. ...