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E-Book, Deutsch, 198 Seiten
Walter / Bilke-Hentsch Narzissmus
erweiterte und überarbeitete Auflage
ISBN: 978-3-17-044553-6
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Grundlagen - Formen - Interventionen
E-Book, Deutsch, 198 Seiten
ISBN: 978-3-17-044553-6
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Narzisstische Phänomene erregen seit langer Zeit sowohl großes wissenschaftliches wie auch gesellschaftliches Interesse. In diesem Werk wird der Narzissmus in seiner gesamten Bandbreite von normalen Ausdrucksformen bis hin zu den schweren narzisstischen Störungen dargestellt. Beschrieben werden die Veränderungen der klinischen Diagnostik und Klassifikationen, der narzisstischen Phänomene in der Gesellschaft sowie der Interventionen und Therapien im Wandel der Zeit. Das Buch erweitert die Perspektive um wenig diskutierte Aspekte wie die individuelle Entwicklung über die Lebensspanne, Gender- sowie transkulturelle und arbeitsmarktbezogene Aspekte. Die 2. Auflage wurde um neue Forschungsergebnisse und das Thema Beratung bei leichteren narzisstischen Problemen erweitert.
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2 Konzeptionen des Narzissmus
2.1 Narzissmus-Definitionen
Der Ausdruck Narzissmus steht umgangssprachlich für die Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung eines Menschen, der sich für wichtiger und wertvoller einschätzt, als andere ihn einschätzen. Umgangssprachlich werden Menschen als Narzissten bezeichnet, die stark auf sich selbst bezogen sind, und anderen Menschen weniger Beachtung als sich selbst schenken (Wikipedia, 03.?03.?2024). Gemäß einer psychoanalytischen Definition ist Narzissmus ein Erlebniszustand, indem nur die Person selbst, ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihr Eigentum und alles, was zu ihr gehört, als real erlebt wird, während alles, was nicht Teil der eigenen Person ist, keine volle Realität besitzt (Fromm 1980). In der Sozial- und Persönlichkeitspsychologie wird unter Narzissmus eine Dimension der normalen Persönlichkeit verstanden, die besonders durch hohe Selbstwertschätzung geprägt ist (Ritter und Lammers 2007). Bis zu einem gewissen Maß ist der Narzissmus eine normale Persönlichkeitseigenschaft. Die betreffenden Personen zeichnen sich durch ein stabiles Selbstwertgefühl, durch Stolz auf ihre realen Leistungen und Mut für Entscheidungen aus. Dabei können sie in ruhigen Zeiten ausreichend Empathie und soziale Kompetenz aufbringen, zeichnen sich aber auch durch einen selbstwertstabilisierenden Umgang mit Misserfolgen aus; Erfolge werden eher sich selbst, Misserfolge eher den anderen zugeschrieben (Lammers und Doering 2018, Lammers 2023, Back 2023). Die Übergänge vom normalen Narzissmus als Persönlichkeitseigenschaft zum pathologischen Narzissmus sind fließend. In diesem Übergangsbereich wird von einer akzentuierten Persönlichkeit gesprochen. Bei der narzisstisch akzentuierten Persönlichkeit sind einzelne, aber für eine Diagnosestellung nicht ausreichende Merkmale eines pathologischen Narzissmus vorhanden. Der pathologische Narzissmus wird in der klinischen Psychiatrie als narzisstische Persönlichkeitsstörung beschrieben und stellt eine psychische Störung i.?e.?S. dar (DSM-5). Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist insbesondere durch ein pathologisches Größen-Selbst mit Selbstzentriertheit und Grandiosität gekennzeichnet. Grundsätzlich werden bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung idealisierte Aspekte auf sich selbst projiziert, während negative und entwertende Aspekte nach außen projiziert werden (Kernberg 2016). Kommen weitere antisoziale Persönlichkeitsmerkmale hinzu wie antisoziales Verhalten, das durch Rücksichtslosigkeit und Aggressivität in Beziehungen charakterisiert ist, geht die narzisstische Persönlichkeitsstörung in die antisoziale Persönlichkeitsstörung über. In diesem Übergangsbereich wird ein sog. maligner Narzissmus beschrieben (Kernberg 1997). Die antisoziale Persönlichkeitsstörung weist immer auch eine schwere narzisstische Pathologie auf und wird deshalb auch zu den narzisstischen Störungen gezählt. Der Oberbegriff narzisstische Störungen beinhaltet deshalb die narzisstische Persönlichkeitsstörung und die antisoziale Persönlichkeitsstörung (Kernberg 2006). 2.2 Der psychoanalytische Narzissmus-Begriff
2.2.1 Freud
Der Narzissmus-Begriff wurde von Freud in die Psychoanalyse eingeführt und später von der Psychologie und der klinischen Psychiatrie modifiziert und in die Klassifikationssysteme psychischer Störungen (DSM-III) aufgenommen. 1899 wurde der Narzissmus-Begriff zum ersten Mal verwendet und dabei als eine Form der Perversion beschrieben (Individuum behandelt seinen eigenen Leib wie den eines Sexualobjektes). Zur Einführung des Narzissmus 1914 schrieb Freud seine erste Arbeit zum Narzissmus. »Zur Einführung des Narzissmus« ist nicht leicht zu lesen – auch weil sie teilweise als eine theoretische Auseinandersetzung mit seinen ehemaligen Schülern Jung und Adler zu verstehen ist (Gast 1997). Freud definierte darin den Narzissmus als eine »libidinöse Ergänzung zum Egoismus des Selbsterhaltungstriebes, von dem jedem Lebewesen mit Recht ein Stück zugeschrieben wird« (Freud 1914). Er unterscheidet weiter den primären Narzissmus als einen normalen letzlich gesunden Narzissmus (in der frühkindlichen Entwicklung später im Bild des »narzisstischen Säuglings« aufgegriffen) von dem sekundären Narzissmus. Sekundärer Narzissmus baue sich als Krankheit dem primären Narzissmus gegenüber auf, indem die der Außenwelt entzogene Libido dem Ich wieder zugeführt werde, wie etwa beim Größenwahn der Schizophrenie. Bei narzisstischer Störung (sekundärer Narzissmus) ist die sexuelle Energie (Libido) ganz auf die eigene Person konzentriert. Als Gegenstück sieht Freud den Zustand der Verliebtheit, in dem die Libidobesetzung auf Kosten der eigenen Persönlichkeit an das Objekt abgegeben wird. Die Libido kann grundsätzlich mehr oder weniger auf die eigene Person oder auf die Außenwelt gerichtet sein (Freud 1914). Entsprechend gibt es nach Freud auch im Liebesleben zwei Typen der Objektwahl, den narzisstischen Typus und den Objekttypus. Nach dem narzisstischen Typus der Objektwahl würde man lieben, was man selbst ist, was man selbst war, was man selbst sein möchte, oder die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war. Bei der narzisstischen Objektwahl stellt nicht die Objektliebe, sondern das Geliebtwerden das Ziel und die Befriedigung dar. Eine Abhängigkeit vom geliebten Objekt wirke dagegen herabsetzend auf die Befriedigung. Dieses Geliebtwerden erhöhe auch das Selbstgefühl einer Person. Das Selbstgefühl speist sich nach Freud aus dem Rest des kindlichen Narzissmus, aus der durch Erfahrung bestätigten Allmacht und aus der Befriedigung der Objektlibido (Freud 1914). Über libidinöse Typen In seiner späteren Arbeit »Über libidinöse Typen« betonte Freud die Unterschiede eines narzisstischen Typus gegenüber dem erotischen Typus und dem Zwangstypus. Während Lieben und Geliebtwerden (erotischer Typus) bzw. Gewissen und Gewissensangst (Zwangstypus) eher die anderen Typen charakterisieren, habe der narzisstische Typus weder vorrangig Gewissensspannung noch erotische Bedürfnisse. So scheibt er auch von »negativer Charakterisierung« des narzisstischen Typus. Die »negative Charakterisierung« ist hier aber nicht wertend gemeint, wie angenommen wurde (Hartmann 2018), sondern kennzeichnet die fehlende (libidinöse) Spannung im Vergleich zu den anderen Typen, die sich als Übertragungsneurosen (Hysterie und Zwangsneurose) prinzipiell gut für eine Analyse geeignet hatten (Freud 1928). Der narzisstische Typus sei insgesamt unabhängig, wenig ängstlich und auf die Selbsterhaltung gerichtet; er habe ein großes Maß an Aggressivität und Aktivität (Freud 1931). Dieser scheinbare Mangel an Übertragungsmanifestationen – Patienten wiederholen gemäß der zeitgenössischen Auffassung der Psychoanalyse in der Analyse den spezifischen Modus der Objektbeziehung gegenüber dem Therapeuten – charakterisiert bis heute noch die letztlich rudimentäre und schwer integrierbare Übertragung narzisstischer Patienten (Gabbard 2006). 2.2.2 Kohut
Bis zu den wegweisenden Arbeiten »Narzissmus« (1976) und »Heilung des Selbst« (1979) von Heinz Kohut sollten 30 Jahre vergehen. Bekannte Psychoanalytiker hatten noch zu Freuds Lebzeiten den Narzissmus immer weiter aus dem Libidokonzept Freuds herausgelöst und mehrheitlich als eigenständiges Defizit der Person (Ich) beschrieben, das insbesondere durch schädigende Umwelteinflüsse zustande gekommen sei (Ferenczi 1924, Hartmann 1939, Horney 1939). Merkmale narzisstischer Persönlichkeitsstörungen Kohut (1973) beschrieb »schwere narzisstische Traumen« in der Kindheit als den entscheidenden Faktor für die spätere Ausbildung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Es gebe eine Form von narzisstischer Libido, die bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung einerseits auf die eigene Person (»Größen-Selbst«) und andererseits auf die idealisierte Person (»idealisierte Elternimago«) gerichtet sei. Außerhalb davon gebe es im Grunde kein Interesse. Damit begründet Kohut die von Freud als fehlend beschriebene Übertragung bei Menschen mit narzisstischen Störungen. Es gilt zu berücksichtigen, dass Freud die Psychosen im Blick hatte, wenn er von narzisstischen Störungen schrieb, während Kohut explizit eine Patientengruppe als narzisstische Persönlichkeitsstörung erarbeitete, die weniger schwer gestört war als bei Psychosen und »Borderline-Zuständen«. Diese würden noch ein...