E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Watzlawick / Weakland / Fisch Lösungen
unver. Auflage 2019
ISBN: 978-3-456-96030-2
Verlag: Hogrefe AG
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-456-96030-2
Verlag: Hogrefe AG
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Paul Watzlawick und seine Kollegen untersuchen in „Lösungen" die Theorie und Praxis der Wandlung und des Beharrens. Sie entwerfen dabei - in Fort- und Umsetzung der Erkenntnisse aus der 'Menschlichen Kommunikation' - einen Ansatz, der Lösungen der ersten Ordnung und Lösungen der zweiten Ordnung unterscheidet.
Mit faszinierenden Beispielen und großer Eleganz entwerfen sie ein Gerüst, das uns beim alltäglichen Ringen um Lösungen in allen zwischenmenschlichen Belangen wertvolle Hilfe leistet.
„Dieses Werk ist faszinierend. Ich halte es für einen bemerkenswerten Beitrag, ein verdammt gutes Buch, das all jenen bekannt werden sollte, die sich mit den vielfältigen Aspekten menschlicher Beziehungen und ihrer Probleme abzugeben haben." (Milton H. Erickson im Vorwort)
Zielgruppe
Psychologen, Soziologen, Sozialwissenschaftler, Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeuten, Psychiater, Verhaltenstherapeuten, Verhaltenswissenschaftler
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Psychologie Allgemeine Psychologie Sozialpsychologie
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologische Disziplinen Medienpsychologie, Kommunikationspsychologie
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychologische Disziplinen Angewandte Psychologie
- Sozialwissenschaften Psychologie Psychotherapie / Klinische Psychologie Verhaltenstherapie
Weitere Infos & Material
1;Inhaltsverzeichnis, Vorwort zur 4. Auflage und Geleitwort;7
2;Einleitung;13
3;1. Kapitel: Die theoretische Perspektive;23
4;2. Kapitel: Die praktische Perspektive;39
5;3. Kapitel: Mehr desselben oder Wenndie Lösung selbst das Problem ist;61
6;4. Kapitel: Die schrecklichen Vereinfachungen;71
7;5. Kapitel: Das Utopie-Syndrom;81
8;6. Kapitel: Die Paradoxien;99
9;7. Kapitel: Lösungen zweiter Ordnung;117
10;8. Kapitel: Die sanfte Kunst des Umdeutens;137
11;9. Kapitel: Die Praxis des Wandels;159
12;10. Kapitel: Beispiele;169
13;11. Kapitel: Ausblick;219
14;Bibliografie;223
15;Personen- und Sachregister;231
1. Kapitel
Die theoretische Perspektive
Plus Ça change,
plus c’est la même chose. Das französische Sprichwort, wonach alles umso mehr beim Alten bleibt, je mehr es sich ändert, ist nicht nur ein Bonmot. Es dürfte vielmehr der bündigste Ausdruck der merkwürdigen und paradoxen Beziehung zwischen Bestand und Wandel sein, und es entspricht jedenfalls der täglichen Lebenserfahrung besser als die Theorien der Philosophen, Mathematiker und Logiker über dieses Thema. Wie die Wissenschaftsphilosophie zeigt, ist der Wandel ein so allumfassendes und unmittelbares Element menschlicher Erfahrung, dass er als Begriff erst dann formuliert werden konnte, als die frühgriechischen Philosophen den antithetischen Begriff der Invarianz oder des Bestandes entwickelt hatten5. Bis dahin gab es nichts, das begrifflich der Idee des Wandels als Kontrast gegenübergestellt werden konnte, und die Situation muss ähnlich der einmal von Whorf postulierten gewesen sein: dass nämlich in einer Welt, in der alles blau ist, der Begriff der Bläue mangels anderer Farben nicht entwickelt werden könnte. In diesem Sinne ist das eingangs erwähnte Sprichwort von besonderer Bedeutung. Es zwingt unsere Aufmerksamkeit auf eine wichtige Tatsache, die wissenschaftliche Theorien nicht selten vernachlässigen: Bestand und Wandel müssen zusammen, als eine Gestalt, gesehen werden. Die meisten Theorien handeln von dem einen oder dem andern Begriff, kaum je aber von ihrer gegenseitigen Abhängigkeit. Oder anders ausgedrückt: Allgemein neigen diese Theorien dazu, entweder Bestand und Invarianz als einen naturgegebenen Zustand zu betrachten, der keiner näheren Erklärung bedarf, und den Wandel daher als das zu erforschende Problem; oder aber umgekehrt, dass Wandel der natürliche Lauf aller Dinge ist und daher Invarianz und Beharren der Erklärung bedürfen. Doch allein schon der Umstand, dass diese beiden scheinbar widersprüchlichen Gesichtspunkte sich so nahestehen, lässt vermuten, dass sie komplementär sind. Und ebendiese Komplementarität wird uns im täglichen Leben immer wieder bewusst; so vor allem dann, wenn wir sehen, wie zum Beispiel eine Familie oder ein größeres Gesellschaftssystem, trotz größter Anstrengungen aller Beteiligten, die Lage zu ändern und eine Lösung herbeizuführen, im Teufelskreis eines Problems verstrickt bleibt. Daraus ergeben sich fast regelmäßig zwei typische Fragen, die sich auf Bestand und Wandel beziehen, nämlich «Wieso dauert diese unerwünschte Situation an?» und «Wie kann sie geändert werden? ». Die Antworten, die wir auf diese beiden Fragen fanden, haben unserer Meinung nach Gültigkeit nicht nur in ihrer Anwendung auf konkrete, individuelle Probleme, sondern darüber hinaus auf Konflikte allgemeinerer Art. Statt aufzuzeigen, wie wir uns im Laufe der Jahre mühsam an diese Antworten heranarbeiteten – ein Unterfangen, das für den Leser kaum von Interesse sein dürfte –, möchten wir unsere Darlegungen mit dem Hinweis auf zwei allgemeine, logisch-mathematische Theorien beginnen, deren Wert und Gültigkeit für die theoretische Untermauerung unserer praktischen Arbeit wir erst spät erkannten. Es sind dies erstens die Gruppentheorie und zweitens die Logische Typenlehre (Mengenlehre) im Sinne Whiteheads und Russells. Wir sind uns dabei der Tatsache voll bewusst, dass unsere Verwendung dieser Theorien weit von mathematischer Schärfe entfernt ist und dass wir uns ihrer lediglich als (unserer Meinung nach vollgültigen) Analogien bedienen. Die Ausbildung der Gruppentheorie geht auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, und der Begriff der Gruppe selbst wurde vom französischen Mathematiker Evariste Galois geprägt6. Auf der Grundlage von Galois’ ursprünglichen Formulierungen trugen verschiedene hervorragende Mathematiker des 19. Jahrhunderts zur Entwicklung der Gruppentheorie in einen der umfassendsten und ideenreichsten Zweige der Mathematik bei. Im Zuge der Revolution der klassischen Physik nach 1900 begann sie eine wichtige Rolle auch in Quantentheorie und Relativitätslehre zu spielen und wächst zunehmend an Bedeutung in so verschiedenen Wissensgebieten wie Kristallografie, Formenlehre der Kunst, Linguistik und anderen. Der Grund für ihre weitreichende Gültigkeit liegt darin, dass – wie Sielaff es formuliert – «sich die Gruppentheorie nur mit ganz allgemeinen Elementen und Relationen befasst»; sie kann daher «Aussagen und Methoden aus den verschiedensten mathematischen (und außermathematischen) Gebieten, sofern diese nur die gleiche logische Struktur besitzen, vermöge ihrer Struktur gemeinsam behandeln» [89]. Es versteht sich von selbst, dass die tiefer greifenden Folgerungen der Gruppentheorie eine umfassende Kenntnis der Mathematik oder der Physik voraussetzen. Die grundlegenden Postulate jedoch, die sich auf die Beziehungen zwischen Teilen und Ganzheiten und zwischen Invarianz und Wandel beziehen, sind überaus einfach – vielleicht täuschend einfach. Grundlage der Definition einer Gruppe bildet der Begriff der Menge, gelegentlich auch System genannt. Eine Menge setzt sich aus Elementen zusammen, deren Wesen oder Konstitution grundsätzlich belanglos ist. Damit soll nur gesagt sein, dass die Elemente Gegenstände, Zahlen, Begriffe, Organismen, Ereignisse oder irgendwelche anderen Gegebenheiten sein können. Die Menge (das System) bildet dann eine Gruppe im mathematischen Sinne, wenn in ihr folgende vier Bedingungen (die Gruppenpostulate) erfüllt sind: 1. Jede Kombination jedes Elements einer Gruppe mit sich selbst oder mit jedem anderen Element der Gruppe ergibt wiederum ein Element derselben Gruppe. Unter Kombination versteht man eine Operation aufgrund einer für die Gruppe geltenden Kombinationsregel. Angenommen zum Beispiel, die Elemente seien die Zahlen 1 bis 12 auf dem Zifferblatt einer Uhr, dann ergibt jede Kombination von zwei oder mehreren dieser Elemente (oder die Kombination eines Elements mit sich selbst) wiederum ein Element der Gruppe (zum Beispiel: 8 Uhr morgens plus 6 Stunden ergibt 2 Uhr nachmittags). In diesem Beispiel bezieht sich der Ausdruck Kombination also auf die Addition oder Subtraktion von Elementen der Gruppe. In analoger Weise ergibt der Wurf eines Würfels stets eines der sechs möglichen Ergebnisse, und die Kombination besteht im Falle dieser Sechsergruppe in einer oder mehreren Drehungen des Würfels um eine oder mehr als eine seiner drei Achsen. Wir sehen also, dass sich der Ausdruck Kombination auf den Wechsel von einem der möglichen inneren Zustände der Gruppe auf einen anderen bezieht. Die Bildung von Gruppen aus «Dingen» (im weitesten Sinne des Wortes) ist die grundlegendste und notwendigste Voraussetzung jeder Erfahrung unserer Umwelt. Wenn auch keine zwei «Dinge» jemals genau gleich sind, so erzeugt das Ordnen der Welt in (sich in komplexer Weise durchdringende und überlagernde) Gruppen klare Strukturen, wo sonst nur ein phantasmagorisches Chaos herrschen würde. Doch wie wir bereits gesehen haben, erzeugt dieses Ordnen gleichzeitig auch Invarianz im oben erwähnten Sinne, da eben jede Kombination von Elementen wiederum ein Element derselben Gruppe ergibt – «ein Ding im System, nicht außerhalb davon», wie Keyser [59] es formulierte. Das erste Gruppengesetz ermöglicht also u.U. Myriaden von Veränderungen innerhalb einer Gruppe (und es gibt sogar sogenannte unendliche Gruppen), verunmöglicht es aber jedem Element oder jeder Kombination von Elementen, sich außerhalb der Gruppe (des Systems) zu stellen. 2. Das zweite Gruppengesetz besteht darin, dass man die Elemente in verschiedener Reihenfolge kombinieren kann, das Resultat der Kombination aber dasselbe bleibt (das Assoziativgesetz der Gruppe)7. Ein praktisches Beispiel wäre folgendes: Ausgehend von einem bestimmten Punkt auf einer Oberfläche kann man jede beliebige Anzahl von Zügen individueller Länge und Richtung machen und kommt dabei unabhängig von der Reihenfolge der Züge stets zum selben Endpunkt, vorausgesetzt natürlich, dass die Zahl der Züge, sowie ihre Länge und Richtung, beibehalten werden. Der einfachste Fall wäre der von vier Zügen gleicher Länge (1 Zentimeter, 1 Kilometer) in jeder der vier Himmelsrichtungen. Unabhängig von der Reihenfolge der Züge (zum Beispiel erst Norden, dann Westen usw. oder irgendeine andere Reihenfolge) kommt man am Ende des vierten Zuges wieder am Ausgangspunkt an. Man kann also sagen, dass sich das zweite Gruppengesetz auf Variabilität der Prozesse innerhalb der Gruppe, aber Invarianz der Resultate bezieht. 3. Jede Gruppe enthält ein Einheitselement, auch neutrales Element genannt, dessen Kombination mit jedem anderen Element wiederum dieses Element ergibt, es also unverändert lässt. In Gruppen zum Beispiel, deren Kombinationsregel die Addition ist, ist das Einheitselement Null (5+0=5); in Gruppen, deren Kombinationsregel auf Multiplikation beruht, ist das Einheitselement 1, da jeder mit eins multiplizierte Wert seine Größe beibehält. Wäre die Gesamtheit aller Töne eine Gruppe, so wäre ihr Einheitselement die Stille; während das Einheitselement der Gruppe aller Lageveränderungen, also aller Bewegungen, die Bewegungslosigkeit wäre (was allerdings nicht dem Begriff der Position gleichkommt). Der Begriff des Einheitselements mag auf den ersten Blick leer erscheinen. Es handelt sich dabei aber um einen Spezialfall der Gruppeninvarianz. Ashby [10,11] zum Beispiel wies seine...