E-Book, Deutsch, Band 2, 411 Seiten
Reihe: Das Haus der grauen Mönche
Zweyer Das Haus der grauen Mönche
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-89425-185-7
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Freund und Feind
E-Book, Deutsch, Band 2, 411 Seiten
Reihe: Das Haus der grauen Mönche
ISBN: 978-3-89425-185-7
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Zweyer wurde 1953 in Frankfurt am Main geboren und wuchs in Bad Oeynhausen auf. Mitte der Siebzigerjahre zog er ins Ruhrgebiet, studierte erst Architektur an den Fachhochschulen Bochum und Dortmund, dann Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Zwischen den beiden Studiengängen schrieb er als ständiger freier Mitarbeiter für die ?Westdeutsche Allgemeine Zeitung?. Nach seiner letzten Abschlussprüfung war er zunächst als Drittmittelknecht an der Ruhr-Universität, danach viele Jahre in unterschiedlichen Funktionen für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeitet Zweyer als freier Schriftsteller im Ruhrgebiet und lebt in Herne.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
Hattingen, 30.März 1502
Sankt Georg war überfüllt. Die Teilnehmer des Hochzeitsgottesdienstes drängten sich im Kirchenschiff und auf den beiden Emporen. Selbst auf dem Platz vor dem Gotteshaus warteten noch Schaulustige, die nicht mehr in die Kirche gepasst hatten. Die Gründe für das Interesse der Hattinger Bürger waren vielfältig. Zum Ersten heirateten heute die Kinder zweier der einflussreichsten Familien der Stadt. Wer eine Einladung zu diesem gesellschaftlichen Ereignis erhalten hatte, dokumentierte damit seine Zugehörigkeit zur Stadtelite. Und die, die nicht eingeladen waren, taten so, als ob sie es wären. Zum Zweiten wollte jeder, vor allem aber die hochgestellten Damen, sehen, wie Agnes von Krekenbeck an diesem Freudentag gekleidet war – und ob es der Staffage gelingen werde, von ihrem Aussehen abzulenken, denn sie war nicht gerade die Schönste in der Stadt. Und zum Dritten hatte der Vater der Braut im Anschluss an die Trauung zu einem Festmahl im Saal und Hof des Hauses Cliff gebeten, was sich auch niemand entgehen lassen wollte.
Die Hochzeit war von den Vätern des Brautpaares arrangiert worden. Reinhard von Krekenbeck, Erbhofschultheiß des Hofs Hattingen und Herr von Haus Cliff, hatte erst vor Kurzem seinen Sohn Wendel durch einen Unfall verloren. Seine Frau war zu alt, um noch einen Erben zu gebären. Und seine Tochter Agnes war ein Weib. Sie konnte niemals Schultheiß werden. Blieb also nur ein Enkel. Aber nicht nur deshalb hatte er einen Ehemann für seine Tochter gesucht, sondern gedachte durch die Verbindung auch die Geschäftsbeziehungen zum Vater des Bräutigams, Hinrick van Enghusen, zu festigen. Van Enghusen war Bürgermeister der Stadt und beide Männer verbanden gemeinsame Interessen, wenn auch ihr früher freundschaftliches Verhältnis in letzter Zeit merklich abgekühlt war. Denn von Krekenbeck hatte sich die Zustimmung van Enghusens zur Eheschließung ihrer Kinder mit der Zusicherung erkauft, van Enghusens Wahl zum Bürgermeister zu unterstützen. Diese Zusage hatte er später zurückgezogen und einen anderen Kandidaten vorgeschlagen, allerdings erst, nachdem van Enghusen sein Einverständnis zur Hochzeit öffentlich im Rat verkündet hatte.
Obwohl sich die Mägde alle Mühe gegeben hatten, die Braut besonders fein herauszuputzen, war es ihnen nicht gelungen, ihr Aussehen zu kaschieren. Gurkennase blieb eben Gurkennase. Agnes trug einen blauen Rock aus Seide, der in dichten Röhrenfalten fast bis zum Boden reichte. Das weiße Oberteil war aus fein gewebtem Leinen, die Arme trichterförmig geschnitten. Über dem rechteckigen Ausschnitt trug sie eine schwere Goldkette. Ihr widerspenstiges Haar war von einer Spitzenhaube verborgen, die mit goldenen Nadeln in Form gehalten wurde. Ihr Goller aus Seide war ebenfalls blau und mit hellgrauem Pelz besetzt. Ihr von Pickeln übersätes Gesicht war vor Aufregung gerötet, was die Eiterbläschen umso deutlicher hervortreten ließ.
An ihrer Seite stand Lucas van Enghusen und machte nicht gerade ein glückliches Gesicht. Auch er trug seine beste Kleidung: ein enges Wams mit bis zu den Knien reichendem Faltenschoß, eine ärmellose Schaube, die mit Pelz besetzt war, ein knallrotes Barett mit bunten Pfauenfedern. Obwohl er hochgewachsen und schlank war, überragte Agnes ihn deutlich. Nur seinem roten Haarschopf war es zu verdanken, dass er neben der massigen Gestalt seiner zukünftigen Frau nicht völlig unterging. Die kirchliche Messe und die Heiratsliturgie verfolgte Lucas mit geistesabwesendem Gesicht. Erst als Pastor Lucius ihn zum Jawort aufforderte, erwachte er aus seiner Erstarrung und stammelte kaum hörbar seine Zustimmung. Agnes’ Einverständnis hingegen war bis in den hintersten Winkel der Kirche zu hören. Nach einem letzten Gebet und dem Segen des Priesters blieb der Bräutigam regungslos stehen. Sein Vater musste ihn in die Seite stoßen, damit er an der Seite seiner Gattin Richtung Ausgang schritt.
Auf dem Kirchplatz wurden vereinzelte Hochrufe laut, als das Paar ins Freie trat und auf den Wagen kletterte, mit dem die Frischgetrauten zu Haus Cliff fahren wollten. So verlangte es die alte Tradition. Erst diese Heimführung, die unter Zeugen erfolgende Beschreitung des Ehebetts am Abend und die symbolische Darreichung der Morgengabe am nächsten Tag machten die geschlossene Ehe rechtsgültig.
Zwei Stunden später war die Feier im Haus Cliff in vollem Gange. Zahlreiche Aushilfskräfte unterstützten die Mägde des Hauses, um die Hochzeitsgäste zu bedienen. Seit Tagen schon wurde in der Küche gebraten und gekocht. Wein- und Bierfässer stapelten sich seit Wochen in den Kellern des Anwesens. Es fehlte an nichts. Die Tafeln bogen sich unter den Speisen, die unaufhörlich herbeigeschleppt und aufgetragen wurden. Wein und Bier flossen in Strömen. Musikanten spielten zur Unterhaltung der Feiernden. Zwar hatte der Hattinger Rat, wie viele andere Städte auch, eine Hochzeitsordnung verabschiedet, um solche Feierlichkeiten hinsichtlich der Dauer und der Anzahl der Festgäste nicht ausufern zu lassen, Reinhard von Krekenbeck allerdings dachte nicht im Geringsten daran, sich diesen Regularien zu unterwerfen. Und da alle Ratsmitglieder, die beiden Bürgermeister – Hinrick van Enghusen als Vater des Bräutigams ja ohnehin – und der Droste als Vertreter des Landesherrn anwesend waren, bestand keine Gefahr, dass sich der Gastgeber wegen möglicher Regelüberschreitung vor irgendjemand würde verantworten müssen.
Lucas kippte ein Glas des schweren Weins nach dem anderen herunter, wohl um sich für das Kommende zu wappnen. Von Zeit zu Zeit sah er mit wachsendem Unbehagen seine Gattin an, die mit glühendem Kopf neben ihm saß und deren Hand die seine suchte. Wann immer ihn ihre Finger berührten, zog Lucas seine Hand abrupt zurück, was Agnes mit wachsender Enttäuschung registrierte.
Natürlich wusste sie, dass diese arrangierte Ehe geschäftlicher Natur war. Doch in ihrem Herzen hatte sie von einem Mann wie Lucas geträumt. Zugegeben, er hätte einige Jahre älter als sie sein können. Aber er sah gut aus und stammte aus einer ehrbaren Familie. Sie hätte es schlechter treffen können. Deshalb war Agnes auch wild entschlossen, ihrem Mann eine treue Frau zu sein und ohne Murren an seiner Seite zu dienen. Und sie hoffte, ihm den Erben zu schenken, den ihr Vater so dringend benötigte. Dafür allerdings war es erforderlich, dass sich ihr Gatte nicht bis zur Halskrause mit Wein volllaufen ließ.
Sie suchte den Blick ihrer Mutter und zeigte verstohlen auf das Weinglas ihres Mannes. Apolonia von Krekenbeck verstand sofort. Sie winkte die Magd zu sich, die für die Bewirtung des Brautpaares und der Ehrengäste zuständig war, und raunte ihr etwas ins Ohr. Die junge Frau grinste anzüglich und nickte. Ab sofort würde Lucas nur noch stark verdünnten Wein erhalten.
Am frühen Abend waren einige der Feiernden schon so betrunken, dass sie von der langen Bank rutschten und auf dem Saalboden liegen blieben. Die Knechte zogen sie hoch und schafften sie in die Scheune, wo Strohlager auf die Besinnungslosen warteten. Ein Bediensteter hielt dort Wache, um zu verhindern, dass einer der Gäste im Vollrausch irrtümlich das Gebäude abfackelte.
Einige Stunden später war es dann so weit. Das Ehepaar wurde zu Bett geleitet. In Begleitung der Eltern, einiger Mitglieder des Rates und des Drosten schritt das Paar die Stufen zu seinem Gemach hinauf, wobei Agnes in der Tat schritt, Lucas eher stolperte. Nur dank des mehrmaligen, beherzten Zugreifens seines Vaters schlug der Junge auf den Treppen nicht lang hin.
Zwei Fackeln an den Wänden und Kerzen, weit vom Bett entfernt, beleuchteten die Kammer. Hinrick van Enghusen trug seinen Sohn mehr, als dass dieser aus eigenen Kräften ging. Er brachte Lucas zur Bettkante und setzte ihn dort ab.
»Denk daran, was ich dir gesagt habe«, flüsterte er seinem Sprössling ins Ohr. »Augen zu und durch.«
Lucas’ Antwort war nicht zu verstehen. Mit glasigem Blick glotzte er in die Runde. Sein Oberkörper schwankte hin und her. Er stützte sich mit dem rechten Ellenbogen auf dem Bett ab und gab mit einer Bewegung der linken Hand den Anwesenden zu verstehen, dass sie verschwinden sollten.
Als der letzte der Gäste die Tür hinter sich geschlossen hatte, beugte sich Lucas über die Bettkante und übergab sich auf den Boden. Dann schob er sich zurück auf das Lager, lallte etwas Unverständliches und war unmittelbar darauf fest eingeschlafen. Alle Versuche Agnes’, ihren Mann zur Erfüllung seiner ehelichen Pflichten zu bewegen, blieben vergebens.
Apolonia von Krekenbeck war eine kluge Frau. Sie hatte die Hochzeiten ihrer älteren Schwestern begleitet und natürlich ihre eigenen Erfahrungen sammeln können. Deshalb war sie auch auf alles vorbereitet. Sie hatte die vertrauenswürdigste der Mägde angewiesen, in einer Nachbarkammer des Hochzeitszimmers zu warten. Und als Agnes in ihrer Verzweiflung das vereinbarte Klopfzeichen an jener Tür machte, stand die Frau einen Moment später im Schlafgemach des jungen Paares und erfasste die Situation sofort.
Die Magd legte ihren Beutel ab, ging zurück in den Nebenraum, holte Eimer und Lappen und reinigte den Boden vom Erbrochenen. Dann zogen die beiden Frauen dem Betrunkenen die Kleider aus und legten ihn zurück auf das Lager. Lucas reagierte nicht. Die Bedienstete hatte damit gerechnet und griff zu ihrem Beutel. Darin befanden sich eine mit etwas Hühnerblut gefüllte Schweinsblase und ein scharfes Messer. Sie ging zum Bett, schlug die Decke beiseite, schlitzte die Blase auf und ließ das Blut auf das Laken fließen. Sie bedeutete der jungen Herrin, ihr Nachtkleid ebenfalls damit zu beschmutzen. Als alles zu ihrer Zufriedenheit arrangiert war, gab sie...




