Koalick / Sigrist / Bilke-Hentsch | Nikotinabhängigkeit und Tabakprävention | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 134 Seiten

Koalick / Sigrist / Bilke-Hentsch Nikotinabhängigkeit und Tabakprävention


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-17-037176-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 134 Seiten

ISBN: 978-3-17-037176-7
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der globale Zigarettenkonsum ist kaum zurückgegangen, fordert weltweit pro Jahr mindestens 6 Millionen Tote und hat gravierende gesundheitliche wie auch volkswirtschaftliche Folgen. Ein vertieftes Verständnis der neurobiologischen und psychosozialen Aspekte des Nikotinkonsums erleichtert die Prävention und Intervention im Einzelfall sowie die Therapie von Lungenerkrankungen. Dieses Buch betrachtet Rauchen und seine Begleiterscheinungen im Gesamtzusammenhang, im Spektrum von der vorübergehenden schlechten Angewohnheit bis zur schwersten tödlich verlaufenden Abhängigkeitserkrankung.

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Weitere Infos & Material


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Substanz- und Verhaltenswirkungen
4.1       Verhaltenscharakteristika von Nikotingebrauch und Tabakabhängigkeit
Das Rauchverlangen kann durch verschiedene Situationen ausgelöst werden. Der Griff zur Zigarette ist automatisiert durch klassische Konditionierungsmechanismen wie die »typische Zigarette« nach dem Essen oder zum Kaffee. Auch emotionale Zustände können den Griff zur Zigarette auslösen. Durch den gleichen Ablauf des Rauchens und angenehme Effekte, u. a. der Wirkungen des Nikotins, automatisiert sich das Verhalten. Schon das Bild einer Zigarette in einer Werbung kann durch die verzerrte Aufmerksamkeit letztlich den Griff zur Zigarette auslösen. 4.2       Substanzwirkungen auf die Organe
4.2.1     Neurobiologie
Nikotin gelangt nach Inhalation innerhalb weniger Sekunden in der Lunge zusammen mit dem sauerstoffangereicherten (oxygenierten) Blut direkt in das Zentralnervensystem und wirkt dort auf Neuronen durch eine Stimulation sogenannter nikotinerger Acetylcholinrezeptoren. Es ähnelt aufgrund einer ähnlichen Ladungsverteilung innerhalb des Moleküls dem körpereigenen Neurotransmitter Acetylcholin an dessen spezifischem nikotinergem Rezeptor. Die »Alpha 4/Beta 2«-Rezeptoren zeigen die höchste Nikotinaffinität. Sie finden sich gehäuft im mesolimbischen dopaminergen System (Teil des Belohnungssystems). Diese Rezeptoren auf den dopaminergen Neuronen im Bereich des Nucleus accumbens steuern die dopaminerge Aktivität, die mit der als angenehm wahrgenommenen Wirkung des Nikotins (antidepressive und anxiolytische Wirkung, Appetitreduktion, scheinbare Förderung der Konzentration, Besserung der Wachsamkeit) verbunden ist. 4.2.2     Allgemeine Wirkungen
Tabak und Tabakrauch enthalten zahlreiche organische und nicht organische Stoffe. Ein großer Teil dieser ist zytotoxisch oder karzinogen. Dabei führen reaktive Bestandteile im Tabakrauch zu einer Interaktion mit verschiedenen Körperbausteinen, beispielsweise Fetten und Eiweiß, um ein paar wenige zu nennen. Dies kann bis hin zu Schäden an der DNA führen. Im Weiteren werden physiologische Botenstoffe verändert, sodass Fehlfunktionen bei der Regulierung diverser körperlicher Vorgänge resultieren. All dies führt zu Zelluntergang, entzündlichen Veränderungen oder Genmutationen als initiale Veränderungen für Folgekrankheiten. So konnten diverse Krankheiten von verschiedenen Organsystemen mit dem Tabakkonsum in Verbindung gebracht werden: Nebst den allseits bekannten wie Lunge und Herz sind dies im Speziellen Gastrointestinaltrakt, Knochen, Haut und Wachstum, Urogenitaltrakt wie auch das zentrale Nervensystem (Liste nicht abschließend). 4.2.3     Lungensystem
Krankheiten der Lunge gehören zweifelsohne zu den häufigsten Gründen für Tod oder Leid (Einschränkung der Lebensqualität) als Folge des Tabakkonsums. Dabei sind die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und der Lungenkrebs die häufigsten Krankheitsbilder. Gemäß der WHO (2014) nehmen die Fälle von Lungenkrebs stark zu, wobei 2012 von rund 14 Millionen Fällen weltweit jährlich ausgegangen wurde, wovon rund 1,6 Millionen Tote alleine durch Lungenkrebs anzunehmen sind. Aufgrund unterschiedlicher Definitionen und unterschiedlicher Studienprotokolle sowie einer großen Anzahl nicht erkannter, leichter Fälle sind die Prävalenzdaten bei der COPD sehr unterschiedlich. Schätzungen gehen von 10 % COPD-Erkrankten in Bezug auf die Gesamtbevölkerung aus. Die Krankheiten resultieren durch Schäden der Oberflächenepithelien, was im Falle der COPD zu einem entzündlichen Prozess führt, wonach die kleinen Atemwege wie auch das Lungenparenchym zerstört werden. Die Folge sind eine Obstruktion der Bronchien bei zugleich auch vermehrter Schleimbildung (Bronchitis) und eine Zerstörung des Lungengewebes (Lungenemphysem). Diese Entwicklung geht sehr langsam vor sich, sodass die unspezifischen Symptome wie Husten und Atemnot zunächst häufig nicht auf eine rauchassoziierte Erkrankung zurückgeführt werden. Ist der Schaden aber einmal gesetzt, so weist das C (chronisch) im Begriff COPD auf die Irreversibilität hin. Weitere Krankheiten wie eine interstitielle (bindegewebige) Lungenerkrankung, eine erhöhte Infektanfälligkeit oder eine Verschlechterung einer bestehenden Lungenerkrankung wie beispielsweise Asthma bronchiale sind ebenso bekannte Auswirkungen des Rauchkonsums. Offensichtlich zählt das Asthma bronchiale, das an sich eine chronische Erkrankung darstellt, zu jenen Lungenerkrankungen, die durch einen Rauchstopp positiv beeinflusst werden können (bessere Kontrolle des Asthmas bronchiale). Ebenso gibt es Lungengerüsterkrankungen (interstitielle Pneumopathien), die sich durch einen Rauchstopp vollständig normalisieren können. Dies stellt aber zweifelsohne eine Ausnahme dar. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das Tabakrauchen zu einer großen Morbidität und Mortalität infolge von Lungenkrankheiten führt. 4.2.4     Herz und Gefäße
Gerade angesichts der kardiovaskulären Erkrankungen stellt das Rauchen einen der Krankheitsursachen dar, die am besten vorbeugend angegangen werden können. So ist der Rauchstopp hierbei eine der effektivsten Maßnahmen. Nebst der Primärprävention haben aber auch die Sekundär- und tertiäre Prävention einen großen Stellenwert. Das kardiovaskuläre System zeichnet sich dadurch aus, dass die Effekte des Rauchens innerhalb von Minuten beispielsweise an den Blutgefäßen manifest werden (Vasokonstriktion, Anstieg des Blutdrucks, Minderdurchblutung der Peripherie). Die Mechanismen, wie der Tabakrauch das kardiovaskuläre System schädigt, sind vielfältig:   endotheliale Dysfunktion der kleinen Lungenkapillaren   Aktivierung der Thrombozyten/Gerinnungsstörungen   Versteifung der Arterien   Dyslipidämie/Fettstoffwechselstörungen   entzündliche Vorgänge   oxidativer Stress   hämodynamische Effekte auf den Blutfluss Mit diesen Vorgängen kann das gesamte Herz-Kreislauf-System in Mitleidenschaft gebracht werden: Klassischerweise sind hier die Herzkranzgefäße zu nennen (koronare Herzkrankheit), ebenso die hirnzuführenden Gefäße (zerebrovaskuläre Erkrankungen), aber auch die periphere arterielle Verschlusskrankheit. Zur Letzteren zählt auch die Veränderung der Aorta bis hin zu Gefäßmissbildungen wie sogenannte Aneurysmen, was häufig Folge der Schäden an den Gefäßwänden ist. Wie bei den Lungenerkrankungen führen auch die kardiovaskulären Erkrankungen einerseits zu Todesfällen und andererseits zu chronischen Erkrankungen wie Herzinfarkt, Hirninfarkt mit in der Folge eingeschränkter Herz- und/oder Hirnleistungsfähigkeit. Dies führt zu einer großen individuellen/gesundheitlichen, aber auch gesellschaftlichen und ökonomischen Belastung. 4.2.5     Haut
Im Factsheet »Rauchen und Hautschäden« 2008 des Deutsches Krebsforschungszentrum werden nachfolgende Hautschädigungen aufgeführt. Rauchen lässt die Haut vorzeitig altern, bei Frauen mehr als bei Männern. So ist die Haut von Raucherinnen, die 20 Zigaretten pro Tag konsumieren, bereits im mittleren Lebensalter um 10 Jahre mehr gealtert als bei Nichtraucherinnen. Mehrere Prozesse sind verantwortlich für verstärkte Faltenbildung, die vor allem durch die zahlreichen freien Radikale im Tabakrauch beeinträchtigt werden. Zusätzlich verengt das Nikotin die Blutgefäße, sodass auch die Haut unzureichend durchblutet wird. Zudem enthält die Oberhaut von Raucherinnen weniger Wasser als die von Nichtraucherinnen. Damit eine Wunde gut verheilt, ist es notwendig, dass für die Neubildung von Kollagen, Blutgefäßen und Deckgewebe sowie für die Infektabwehr optimale Bedingungen herrschen. Diese sind nur bei einer guten Durchblutung des Gewebes und einer ausreichenden Versorgung mit Sauerstoff gewährleistet. Der Heilungsprozess verläuft bei rauchenden Personen vor allem deswegen schlechter, weil verschiedene Rauchbestandteile die Durchblutung der Gewebe verringern. Zusätzlich fördert Tabakrauch die Bildung winziger Blutgerinnsel, die die kleinen Blutgefäße verstopfen können. Das Nikotin verlangsamt außerdem die Vermehrung von Zellen, die zur Wundheilung notwendig sind. Um das Risiko für...


Susann Koalick ist Leiterin der Nikotinberatung an der Klinik Barmelweid.
Dr. med. Thomas Sigrist ist Leiter des Departements Innere Medizin und Chefarzt der Pneumologie an der Klinik Barmelweid.
Dr. med. Oliver Bilke-Hentsch ist Chefarzt des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Luzerner Psychiatrie.



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