Thaler | Jahrbuch Franz-Michael-Felder-Archiv 2021 | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 22, 250 Seiten

Reihe: Jahrbuch Franz-Michael-Felder-Archiv

Thaler Jahrbuch Franz-Michael-Felder-Archiv 2021

22. Jahrgang 2021
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7065-6199-0
Verlag: Studien Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

22. Jahrgang 2021

E-Book, Deutsch, Band 22, 250 Seiten

Reihe: Jahrbuch Franz-Michael-Felder-Archiv

ISBN: 978-3-7065-6199-0
Verlag: Studien Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Mittelpunkt stehen die Beiträge der Felder-Tagung „Neue Lesarten und Perspektiven“, die im Frühjahr 2021 stattgefunden hat. Werner Nell (Halle an der Saale) beschäftigt sich mit Literatur und Sozialreform auf dem Land, Jelko Peters (Leer) schreibt über Felders Autobiografie aus der Perspektive von Alfred Adler, David Franzoi (Bregenz) widmet sich Felders „Magerhuber“ und Kaspar Moosbruggers „Kulturgesprächen“, Solvejg Nitzke (Dresden) betrachtet das Werk Felders unter „ökokritischen“ Aspekten, Bernhard Fetz (Wien) vergleicht Felders Autobiografie mit der von Franz Grillparzer. Veröffentlicht wird auch ein Ausschnitt des Felder-Krimis „Sherlock Holmes im Bregenzerwald“ von Ulrike Längle (Bregenz). Das Jahrbuch bietet weiters ein Interview von Dominik Denk (Wien) mit dem Felder-Übersetzer David Henry Wilson (Traunton, UK). Auch wird ein Gespräch veröffentlicht, das Jürgen Thaler mit der Regisseurin Bérénice Hebenstreit (Wien), dem Dramaturgen Ralph Blase (Bregenz) und dem Autor Maximilian Lang (Wien) anlässlich der Uraufführung des Felder-Stückes „Sprich nur ein Wort“ von Maximilian Lang am Vorarlberger Landestheater geführt hat. Das Protokoll der 53. Jahreshauptversammlung des Franz-Michael-Felder-Vereins sowie der Arbeitsbericht des Franz-Michael-Felder-Archivs der Vorarlberger Landesbibliothek runden diesen spezifisch Felder gewidmeten Jahrgang ab.

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WERNER NELL Literatur und Sozialreform auf dem Lande
Als Gegenbild zum zeitgenössischen Verfall der Welt durch die Massenmedien hat uns in den 1980er Jahren der US-amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman (1931 – 2003) den amerikanischen Farmer vor Augen geführt. Noch im 19. Jahrhundert konnte er offensichtlich sein Feld bestellen und sich zugleich, so ist es zumindest in Postmans kulturkritischem Bestseller Wir amüsieren uns zu Tode von 1985 zu lesen, noch seiner philosophischen oder sonstigen Lektüre, zumal der Bibel, widmen. „Der Farmerjunge, der mit einem Buch in der Hand dem Pflug folgt, die Mutter, die ihrer Familie am Sonntagnachmittag etwas vorliest, der Kaufmann, der die Meldungen über die zuletzt eingelaufenen Clipper liest – sie waren andere Leser als die von heute. Flüchtiges Lesen dürfte es kaum gegeben haben, dazu fehlte die Zeit. Lesen geschah in einem täglichen oder wöchentlichen Ritual, dem eine besondere Bedeutung zukam. […] Bei Kerzenoder später bei Gaslicht las es sich nicht besonders gut. Und ohne Zweifel wurde sehr viel in der Zeit zwischen Morgengrauen und dem Beginn des Tagwerks gelesen. Was man las, das las man ernsthaft, intensiv und mit einem bestimmten Ziel.“1 Auch wenn dieses Bild insgesamt eher romantisch übermalt als realistisch entworfen erscheint, lässt es sich doch nutzen, um zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf einen Punkt zu verweisen, an dem Literatur und Gesellschaft in einer vergleichsweise engen und zugleich wirklichkeitshaltigen Beziehung zueinander zu stehen schienen. Literatur, Lesen, aber auch Schreiben, erscheinen hier als Medien und Zugänge zu einer in eben diesen Tätigkeiten fassbaren Wirklichkeit, ja sie lassen sich auch als Instrumente zu deren Bearbeitung und Veränderung bestimmen und unter entsprechenden Vorgaben nutzen.2 Es ist dies der Punkt, von dem aus auch Franz Michael Felder (1839 – 1869) bei seinem Versuch zu verorten ist, im Medium der schönen Literatur und mit den damit vorhandenen Gattungsformen und Instrumenten des Erzählens bzw. Dichtens Stimmen zu Wort kommen zu lassen: Zum einen, um die Erfahrungen und auch Erwartungen der bis dahin nicht wahrgenommenen, also weder kulturell noch politisch repräsentierten Landbevölkerung zur Sprache zu bringen. Zum anderen sucht er so, vom Feld der Literatur aus die Handlungsfelder der Gesellschaft nicht nur anzusprechen und seinem Lesepublikum vor Augen zu stellen, sondern diese im Sinne einer intendierten Besserung der ländlichen Verhältnisse auch zu verändern. Zeitgenössisch lässt sich der damit angesprochene Wechselbezug von Literatur und Gesellschaft nach beiden Seiten hin ausrichten, ist doch, mit René König gesprochen, die Vorstellung einer „Gesellschaft im Singular“, also die Ansprache einer Gesellschaft als Totalität im Sinne einer alle sozialen Zusammenhänge ebenso wie die jeweiligen sozialen Akteure zu einem „Ganzen“ rahmenden Kategorie,3 ebenso ein Ergebnis der geistes- und sozialgeschichtlichen Entwicklungen und Erfahrungen des frühen 19. Jahrhunderts4, wie sich korrelierend dazu die Vorstellung in dieser Zeit durchsetzt, Realismus in der Literatur und eine entsprechend realistische Schreibweise bezögen sich auf eine Welt und Wirklichkeit, „wie sie ist“ bzw. wie sie von Akteuren und Beobachtern erfahren und in literarischen Texten als Ganzes wiedergefunden werden kann.5 Stichworte, die Orientierungs- und Bezugspunkte für diese Entwicklung nach beiden Seiten anbieten, sind dabei zum Ersten die mit dem Aufkommen der Industriegesellschaft verbundenen marktgesellschaftlichen Prozesse und Strukturen, wie sie von Karl Polanyi im Blick auf deren Durchsetzung in ländlichen Räumen und Lebensformen als „The Great Transformation“6 beschrieben wurden. Zum Zweiten und damit ebenso korrelierend wie darauf reagierend sind die mit dem Einsatzpunkt der Französischen Revolution von 1789 verbundenen Ansprüche auf egalitärere, freiere und zugleich solidarische Gesellschaftsformen anzusprechen, die sich zunächst in der Rahmensetzung bürgerlicher Gesellschaft konstituieren,7 dann aber sukzessive auf weitere Gesellschaftsschichten und so auch auf die Landbevölkerung ausstrahlen8 bzw. von dieser auch übernommen und eingefordert werden.9 Schließlich sind es zum Dritten die vom Jahrhundert der Aufklärung ausgehenden Ansprüche und Leitbilder individueller Emanzipation, nicht zuletzt bzw. vor allem durch Bildung und Literalität zu erreichen, die sich ebenfalls den Bewohnerinnen und Bewohnern ländlicher Räume erschließen und vermittelt u. a. durch Pfarrer und Lehrer, aber auch durch schreibende Bauern, diese selbst zu Akteuren und Sprechern, auch zu reflektierenden Beobachtern ihrer sozialen Umstände werden lassen.10 Insgesamt führen diese Prozesse zu einem Abschmelzen ständischer Gesellschaftsmodelle, entsprechender Privilegien, Habitus-Konzepte und nicht zuletzt auch traditionell gefestigter Selbstverständnisse, wie dies von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest von 1848 in die Formel: „Alles Ständische und Stehende verdampft“ gefasst und als bedeutende Leistung der „bürgerlichen Revolution“ in Korrelation zum Siegeszug des Industriekapitalismus hervorgehoben wurde. Dies betrifft, was sich insbesondere auch an der lebenslangen Auseinandersetzung Felders mit den Repräsentanten der katholischen Kirche ablesen lässt, auch die kulturellen Codierungen und Bewusstseinslagerungen der einfachen Leute in ihren herkömmlich überkommenen Mustern, denn „alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen“11. Dieser Umstand führt zum einen auf den dann auch von Felder beschrittenen Weg zu „nüchterner“ Wissenschaft, publizistischer Agitation und ggf. realistischem Schreiben, zumal im Blick auf die angestrebte soziale und ökonomische Verbesserung der Lebensverhältnisse auf dem Lande. Zum anderen, und auch dies lässt sich sowohl von Felders Texten aus bearbeiten als auch als spezifisches Merkmal seines Schreibens und Erzählens ausmachen, bleibt zu fragen, ob es bei einer solchen materialistisch induzierten wechselseitigen „Nüchternheit“ des In-der-Welt-Seins im Umgang mit sich selbst und anderen bleiben kann. Es geht ja doch zugleich darum, Sinnorientierungen, Glücksbegehren und dem Anspruch von Menschen auf ein je individuell „gelingendes Leben“ wenn schon nicht einen Raum in der Realität, so doch wenigstens in den Bereichen der Imagination, des Wünschens und davon ausgehender, durch diese gestärkter Praxisbezüge zu eröffnen.12 Beides zusammengenommen, führt dann auf das Feld der Literatur, das im Falle Felders gleichermaßen als ein Medium der Verlebendigung von Wünschen wie der Schilderung von Wirklichkeitserfahrungen genutzt und entsprechend ausgeformt wird.13 1. Landreform und utopische Orientierung im Medium der Literatur Literarische Texte, eben auch die von Glückshoffnungen und Glückserfüllungen, nicht zuletzt von deren Scheitern, handelnden Texte Felders, sprechen in diesem Zusammenhang eine mit den belleslèttres verbundene utopische Dimension – auch ihrer Form nach – an. Dies mag dabei sowohl die historische Stelle Felders im 19. Jahrhundert als auch die Möglichkeiten eines Anschlusses an seine Texte unter den Bedingungen weitergehender Moderne von heute aus ausmachen. Was die britische Soziologin Ruth Levitas in ihren Studien zum utopischen Denken als „education of desire“ angesprochen hat: „Utopia creates a space in which the reader is addressed not just cognitively, but experientially, and enjoined to consider and feel what it would be like not just to live differently, but to want differently – so that the taken-for-granted nature of the present is disrupted“14, findet sich im Sinne literarischer, imaginativer Wunscherfüllung in Felders Texten wieder – und zwar nicht als Kompensation für ein ansonsten nicht mögliches Tun und Wünschen, sondern als Impuls und Stärkung der mit den Wünschen in Erscheinung tretenden Handlungsoptionen im Blick auf die Entwicklung von Perspektiven zu ihrer Umsetzung. Von heute aus gesehen erscheinen diese Ansprüche und ihre literarische Umsetzung umso wichtiger, als die englische Übersetzung der angesprochenen Stelle des Kommunistischen Manifests ja bereits über das Historische einer untergehenden Ständegesellschaft hinausgeht und das Abschmelzen jeglicher Bestände und Sicherheiten als das Signum der Moderne ausmacht: „All that is solid melts into air“. Marshall Berman verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass unter den Bedingungen einer anhaltenden Moderne die Unverzichtbarkeit von Ansprüchen auf ein gelingendes Leben ebenso auf ungesicherten Grundlagen basiert, wie diese der konstruktiven, also eben auch ggf. fiktionalen und imaginären Ausformung und Vermittlung bedürfen, um überhaupt zu Realitätspartikeln zu werden.15 Die oben für die Mitte des 19. Jahrhunderts skizzierte Engführung von Literatur und Gesellschaft kann dann zudem als ein Einsatzpunkt angenommen werden, um auch in literarischen Texten ein handfest politisches bzw. sozialökonomisches Thema wie die Forderungen nach...


Das Jahrbuch des Franz-Michael-Felder-Archivs ist ein literaturwissenschaftliches Periodikum, das seit 1999 erscheint. Es bietet Editionen und Aufsätze zur Vorarlberger Literatur und zu jener der Bodenseeregion sowie zu anderen relevanten Bereichen der Literatur- und Kulturgeschichtsschreibung, die im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Archivs stehen. Das Jahrbuch dokumentiert auch die Vielfalt der Aufgaben des Felder-Archivs und macht die Zusammenhänge transparent, in denen das Archiv tätig ist. Des Weiteren gelangt im Jahrbuch die jährliche Felder-Rede, bei der sich Prominente mit dem Bauern, Schriftsteller und Volksaufklärer Franz Michael Felder (1839–1869), dem Namenspatron des Archivs, beschäftigen, der Tätigkeitsbericht des Felder-Archivs und das Protokoll der jeweiligen Generalversammlung des Franz-Michael-Felder-Vereins zum Abdruck.



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