Schomers Der kurze TV-Beitrag
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7445-0258-0
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 87, 250 Seiten
Reihe: Praktischer Journalismus
ISBN: 978-3-7445-0258-0
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Michael Schomers arbeitet seit fast 30 Jahren als Fernsehjournalist, Autor, Regisseur und Produzent. Mit seiner Firma Lighthouse Film hat er zahlreiche Fernsehbeiträge, Dokumentationen und Reportagen produziert.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Medien- und Kommunikationswissenschaften Medienwissenschaften Fernsehen & Rundfunk
- Wirtschaftswissenschaften Wirtschaftssektoren & Branchen Medien-, Informations und Kommunikationswirtschaft Radio- und Fernsehindustrie
- Geisteswissenschaften Theater- und Filmwissenschaft | Andere Darstellende Künste Filmwissenschaft, Fernsehen, Radio Fernsehproduktion
- Sozialwissenschaften Medien- und Kommunikationswissenschaften Medienwissenschaften Journalismus & Presse
- Wirtschaftswissenschaften Wirtschaftssektoren & Branchen Medien-, Informations und Kommunikationswirtschaft Presse & Journalismus
Weitere Infos & Material
[37]Eine Idee ohne Exposé ist nur ein flüchtiger Gedanke. Erst wenn das Thema ausgebreitet, zugespitzt und durch die filmische Umsetzung ergänzt ist, kann ich weiter damit arbeiten und es anbieten. Ich habe das oft erlebt. In unserer wöchentlichen Konferenz in der Produktion geht es um den Stand der Dinge und die Organisation. Aber dazu gehört natürlich auch der Tagesordnungspunkt »Neue Produktionen, Planungen«, also mögliche neue Themen. »Man könnte doch mal was machen über … Geisterhäuser«, schlägt jemand vor. Ich erwidere, ja, das könnte ich mir durchaus vorstellen, ob er denn mehr darüber wisse. Nein, er habe nur gestern irgendwo irgendetwas dazu gesehen und dann ein wenig im Internet herumgegoogelt. Und da gäbe es viele solche Geisterhäuser, Geisterjäger, ja, eine ganze Geistergemeinde im Internet und viele, viele Geschichten. Ich habe dann, genau wie bei unzähligen anderen solcher Gespräche, gesagt: »Ja, recherchiere das mal, besorge am besten mal einen Experten, mit dem wir darüber reden können. Und schreib dann mal ein Exposé.« Wir haben unzählige solcher Gespräche geführt, mal bei Konferenzen, aber auch in der Kneipe oder im Café. Nur: Ich habe nur ganz selten danach auch wirklich ein Exposé zum Thema bekommen, mit dem ich als Produzent weiterarbeiten konnte. Meistens bleibt es bei solchen vagen Ideen, die aber niemals weiter recherchiert und zu einem tragfähigen Themenvorschlag ausgearbeitet werden. Eine solche Idee ist ein . Und das reicht nicht. Erst mit einer Grundrecherche und einem Exposé wird aus dem flüchtigen Gedanken ein Themenvorschlag.
Aber wie muss ein Exposé aussehen? Zunächst einmal ist es, wie bei vielen anderen Themen: Exposé gibt es nicht, genauso wenig wie eine Regel, wie lang, wie ausführlich ein Exposé sein muss. Jede Autorin und jeder Autor hat eine eigene, ganz besondere Art, ein Exposé zu schreiben. Es gibt kurze, knappe und lange, ausführliche, manche sind bis ins Detail ausgeführt, andere nur grob skizziert. Eine vorgeschriebene Form gibt es in der Regel nicht, obwohl inzwischen manche Redaktionen ihre eigenen Formen und Formulare entwickelt haben.
Genauso wenig gibt es einen Leitfaden »Wie schreibe ich ein gutes Exposé?« Denn das hängt auch immer von den verschiedensten Bedingungen ab, vom Sujet, der Redaktion, dem Sender, dem Sendeplatz etc.
Auf jeden Fall soll das Exposé der Redaktion ein Thema möglichst so darstellen und nahebringen, dass daraus ein Auftrag wird, dieses Thema zu realisieren.
[38]Es gibt Redaktionen, die festlegen, dass ein Themenvorschlag nicht mehr als zwei, drei oder vier Zeilen oder Sätze umfassen darf. Auf der anderen Seite gibt es Exposés, die sich in epischer Länge über viele Seiten ergießen. Länge und Form eines Exposés sind von mehreren Faktoren abhängig:
• Länge des geplanten vorgeschlagenen Beitrags,
• Sendeplatz
• Vorgaben der Redaktion,
• Kenne ich den Redakteur?
Natürlich sind Länge und Form zunächst davon abhängig, für welchen Sendeplatz der Beitrag vorgesehen ist und welche Länge er haben soll. Ein Zehnminüter hat einen ganz anderen und in der Regel komplizierteren dramaturgischen Aufbau als ein Dreiminüter, den ich mit drei oder vier Sätzen beschreiben kann. Auf jeden Fall muss der Redakteur sofort wissen, worum es geht – und sich den Beitrag vorstellen können. Das ist der entscheidende Punkt.
Von zwei Studenten erhielt ich folgenden Themenvorschlag für einen Fünfminüter, der im Rahmen einer Reportageübung realisiert werden sollte: Es ging um einen Kiosk in einem sozialen Brennpunkt im Ruhrgebiet. Die Studenten schrieben u. a.:
Was soll ich damit anfangen? Abgesehen von der sprachlichen Holperigkeit: so geht es natürlich nicht. Denn wir erfahren über den Protagonisten, den Besitzer des Kiosks, gar nichts. Und das genau muss in einem Exposé dargestellt werden. Also z. B. so:
Schon besser, denn jetzt kann sich der Leser Max ganz gut vorstellen. Kurze Beschreibungen und Zitate machen das Exposé lebendig. Das ist zwar für einen kurzen Fernsehbeitrag fast schon etwas lang, vermittelt aber dem Redakteur einen sinnlichen Eindruck und man kann sich den Protagonisten und den Film schon vorstellen. Und zwei, drei Fotos können bei so einem Themenvorschlag auch nicht schaden.
4.1 Die erste Seite und der Rest
23, so der Kollege Gregor A. Heussen. Wir können davon ausgehen, dass in einer Fernsehredaktion täglich mindestens fünf bis zehn Themenvorschläge/Exposés ankommen. Exposés von total unterschiedlicher Qualität und Quantität. Manche sind gut gemacht, manche schlecht, sie sind kurz oder lang, mit oder ohne Bilder. Ich habe schon Exposés gesehen, die fast Kunstwerke waren. Da waren die Einbände mit verschiedenen Materialien gestaltet, es gab lange Fotoanhänge und sogar kleine Give-aways. Alles nur, um die Aufmerksamkeit des Kollegen für das vorgeschlagene Thema zu erwecken. Ob sich solche Arbeit für die Kollegen gelohnt hat, weiß ich nicht. Aber die Praxis in der Redaktion sieht wohl eher so aus: ein schneller Blick auf die erste Seite und dann die spontane Entscheidung: »könnte interessant sein« oder »interessiert mich nicht«, was meistens gleichbedeutend ist mit »das schaue ich mir noch mal näher an« oder eben ein schnelles »Weg damit«.
[40]Es ist wie bei einer Bewerbung. Da geht es im ersten Schritt zunächst einmal darum, überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden.
Und deshalb spielt in der Tat die erste Seite bei einem Exposé eine wesentliche Rolle. Ich schreibe immer auf der ersten Seite nach dem Titel einen kurzen Absatz, in dem der Film auf den Punkt gebracht wird. So eine Art Küchenzuruf in vier, fünf Sätzen. Für einen kurzen TV-Beitrag reicht natürlich in der Regel auch ein kurzer Themenvorschlag, d. h. maximal eine halbe Seite. In manchen Redaktionen gibt es dazu sogar ein Formblatt. Das sieht dann z. B. bei einer Magazinredaktion so aus:
Planungsraster für Beiträge
1. Autor(in)
2. Titel (unter dem das Stück im Ablauf steht)
3. Die Story (10–15 Zeilen)
4. Darstellungsform
5. Headline
6. Erzählsatz
7. Zielgruppen
8. Emo-Farbe
9. Deutsche Normalos
10. Erzählperspektive
11. Highlight
12. Lösungsperspektive
13. Bemerkungen
Diese Punkte folgen im Wesentlichen dem Dramaturgieschema von Gregor A. Heussen, der mit seinen Seminaren mittlerweile die deutschen Redaktionen überschwemmt hat.24 Ich weiß nicht, ob das alles notwendig und sinnvoll ist, aber ein solch formatiertes Verfahren erleichtert sicherlich die Auswahl der Themen.
Ich mache es einfacher. Für mich sind die wesentlichen Punkte:
• Adressat: Für welchen Sendeplatz, für welchen Adressaten ist der Themenvorschlag gedacht?
[41]• Titel,
• Abstract/Logline (Beitrag wird in wenigen Sätzen geschildert),
• Autor,
• Aufhänger, Hook,
• Inhalt,
• die Filmgeschichte, die Story,
• filmische Umsetzung.
Das sind die Punkte, die eine Redaktion braucht, um zu entscheiden, ob der Beitrag realisiert werden soll oder nicht – und nur darum geht es zunächst.
Die Voraussetzung für einen guten Themenvorschlag: man muss den Sendeplatz kennen, für den man ein Thema...




